Mondtochter

Mondtochter

Rael An’Ghyar

Die Nacht ist dunkles Violett. Der Mond schwimmt bleich auf dem Himmel, der frei ist von Wolken, hinter denen er sein gequältes Antlitz verbergen könnte. Selbst die Sterne haben längst aufgehört zu weinen, und das Heulen des Windes ist frei von Trauer, trägt nur noch die Rufe der Nachtvögel über die Ebene. Die Luft ist frisch, doch tut es weh, sie einzuatmen: die kristallene Klarheit des Schmerzes. Still blutet die Erde aus der klaffenden Wunde, doch auch die Erinnerung an Trauer ist vergangen: vergangen wie das Blühen, das Wachsen, das Werden: vergangen wie das Leben. Ein großer Schatten fällt auf den Himmel, der Schatten eines Vogels, eines Raben.
   Violette Nacht, und noch immer schweigt der Mond.
   Sag, warum reitest Du nicht mehr auf dem silbernen Licht des Mondes?

Eine stolze Stadt einst, nun eine zerstörte Stadt. Der Wind spielt mit ihrer vergangenen Größe: Staub, Asche. Trümmer wachsen aus der Ebene, blankes Gebein der Stadt; die Zypressen, die einst breite Alleen schmückten, sind schon lange tot, verkrüppelt, spotten ihrer eigenen Vergangenheit. Vielleicht gab es einmal Nächte, da Gesichter aus dem Violett traten, bleiche Gesichter, die Gesichter von Toten, und dann mag ihr Geflüster die Dunkelheit erfüllt haben; Fürsten, die Sklaven die Geheimnisse eines verlorenen Lebens anvertrauten, Priester, die Huren beichteten – vielleicht, vor vielen, vielen Nächten; denn die Zeit brachte Vergessen, und das Vergessen tötete auch die Geister. Ein großer Schatten fällt auf die Erde, der Schatten eines Vogels, eines Raben.
   Zerstörte Stadt, nur der Wind zieht noch durch ihre Straßen.
   Sag, warum jagst Du nicht mehr mit dem Wind?

Einsame Mondtochter, wartest auf den Morgen, sitzt am marmornen Rand des Teiches, hältst runde Kiesel in den Händen, die Du einen nach dem andern in die dunkle Tiefe des Wassers fallen lässt, während Du die Wellen seine Oberfläche kräuseln siehst. Immer-stille Mondtochter, mondesbleich deine Haut, rabenschwarz Dein Haar, milchweiß das Hemd, das Deinen Körper umfließt, der Geschmack von Staub auf Deiner Zunge, lauschst Du dem Schweigen des Mondes, beobachtest Du das Vergehen der Stadt. Immer-traurige Mondtochter, gefangen in den Spinnweben der Vergangenheit, Hüterin der Asche des Lebens, keine Tränen mehr in Deinen Augen, klagst Du schweigend. Verlorene Mondtochter, Ende und Neubeginn, Tod und Geburt: immer-gleich, immer-wandelnd. In einem Augenblick der Ruhe erscheint ein Bild im Wasser, das Bild eines großen, suchenden Auges, des Auges eines Raben.
   Einsame Mondtochter, wartest auf den Morgen.
   Sag, warum wird nie ein Morgen anbrechen für Dich?

 


»Mondtochter« von Rael An’Ghyar erschien 1989 im Schlangenschriften-Sonderdruck 19 G.