Brans Tod

Brans Tod

Corrabheinn

 

Bran stirbt.
Scheu und angstvoll flüsterten es die Knechte und Mägde der Burg: schwer kam es über die Lippen der Fischer von Arann, und wenige der Krieger nur wollten es glauben. Braii der Alte, von Oilcann, Fels in den Zeiten; achtzig Sommer hatte er gesehen, achtzig Winter hatten ihn nicht gebeugt, den Riesen mit dem schneeweißen Haar. Doch nun stirbt er.
Grau hingen Nebelfetzen über der Bucht von Cruachan, als das kleine Boot in den Hafen einlief. Obwohl die Herbststürme viele Schiffe in den sicheren Ring von lnbhar Oileann getrieben hatten, sah niemand die beiden Männer, die es vertäuten und an Land stiegen. Bald kam einer von ihnen mit zwei Pferden zurück, die in einem Schuppen abgestellt gewesen waren. Sie stiegen auf und ritten davon, hinaus in die Nebelschwaden und den steilen Weg bergan zur Burg. Oft hatten sie das Gefühl, sich im grauen Nichts zu bewegen, und nur das Klappern der Hufe auf dem steinigen Weg und das Dröhnen der Wellen, die tief unten an die Flanken von Nead Jolair, dem Adlerberg. Schlugen, erinnerte sie an die Wirklichkeit. Keiner sprach ein Wort. Und als sie das Tor erreichten, war schon die Stunde der Dämmerung gekommen.
Der Diener, der sie einließ, reichte ihnen eine rauchende Fackel. Kurz nur sah er das Gesicht des Fremden unter der tief herabgezogenen Kapuze – ein Coraniaid, hochgewachsen, stämmig und kraftvoll, ernstblickend; aber es war ein Mann und keine der Heilfrauen der Fremden, die vor Jahren gekommen waren und die Macht beansprucht hatten. Das Misstrauen der Fischer und Krieger von den Inseln war immer noch groß gegen sie, denn jahrhundertelang hatten twyneddische Häuptlinge die Inseln vor der Küste gehalten, und das Blut der allermeisten auf Oileann war noch menschlich und rot geblieben. Ängstlich blickten die Mägde auf den vorbeischreitenden Coraniaid; man ging ihm aus den Weg, als er mit seinem Begleiter die steilen Stiegen in den Nordturm hinaufeilte. Nur die Augen des Kriegers vor der Tür blickten erstaunt, denn er war oft in Cruachan auf dem Festland gewesen und kannte jenen, der vorüberging. Doch er sagte nichts und dachte nur über die Gründe für die Anwesenheit dieses Fremden nach.
Sie traten in das Zimmer, in dem Bran lag. Ein großes Kastenbett mit zurückgezogenen blauen Vorhängen, mehrere alte Teppiche an den Wänden, rußende Fackeln und ein prasselndes Kaminfeuer, das den Raum mit Wärme erfüllte; ein geschlossener Fensterladen, mehrere Schwerter, Dolche und Schilde an der Wand – das Zimmer des Bran. Der Coraniaid schlug den Mantel zurück und beugte sich über die im Bett liegende Gestalt. Er erschrak; nur wenige Zehnttage vorher war Bran in der Stadt gewesen, sie hatten besprochen. was zu besprechen war, und Bran war kräftig gewesen und ungebeugt, wie seit eh und je in den Tagen, da Ness Cavanagh mit jugendlichem Feuer die letzten Ywerherren vom Festland vertrieben hatte und Freunds geworden war mit Bran.
Er musterte das Gesicht; da war die wilde und ungebändigte, weiße Mähne des Haares, der wallende würdevolle Bart; die braune wettergegerbte Haut des erfahrenen Fischers und Seemanns, die Falten, die die Zeit und der Schmerz ins Gesicht gefressen hatten, als Söhne und Enkel starben, durch Krankheit, im Krieg; jetzt aber schien die Haut blass und durchscheinend, kein Muskel regte sich im Gesicht; die blauen Augen, die sonst blitzten und funkelten, waren geschlossen. Schwer und massig lag er unter den Decken und Fellen.
Hier war nicht mehr zu helfen; der Tod würde kommen, so sehr sich auch der Körper noch dagegen wehrte. Er konnte nur noch die Schmerzen lindern, und er war sicher, dass Bran sein Ende vorausgesehen hatte, als er nach ihm schickte, denn der Coraniaid war kein Heiler und Kundiger über die Salben und Kräuter, wie sie die Weisen Frauen kannten. Wenig nur konnte er tun; er zog das Fläschchen mit dem betäubenden Duft der Mailinfrucht heraus und legte das grüne Amulett gegen die Muskeln am Hals, wie man es ihm zu tun gesagt hatte.
Tatsächlich fiel dem Sterbenden das Atmen bald leichter, die Brust hob und senkte sich schneller, und nach einer Weile öffnete Bran die Augen. Der Mann, der den Fremden geholt hatte, bemerkte es und eilte hinaus, als fürchte er sich vor dem, was geschehen würde.
»Ihr seid gekommen«, sagte der Sterbende, und seine Stimme war rau und stark wie immer, das einzig Kraftvolle an ihm, das ihm geblieben war.
»Aye«, nickte der Coraniaid, und sie sprachen lange über die Schwierigkeiten und Nöte, die kommen würden, wenn Bran dahingegangen war; doch keiner sprach davon, dass er sterben würde. Draußen kam die Dunkelheit und verging wieder, als die Sonnenscheibe über den wilden Hügeln von Cruachan zu sehen war, doch im Raum flackerten noch immer die Fackeln. Sie beendeten, was zu sagen war.
Der Coraniaid erhob sich von der Bettkante und streckte die Glieder; er ging zum Fenster, um den Laden aufzustoßen, als Brans Stimme ihn innehalten ließ:
»Und jetzt, mein Lord, erfüllt mir die letzte und größte Bitte«. Er wandte sich um und blickte Bran an.
»Ihr werdet mich töten!«
Die Stimme war fest und bestimmt, das Gesicht zeigte keine Regung, nur die Augen blickten ihn unverwandt an. Der Coraniaid stand still, lange Zeit, nur seine Hände begannen zu zittern. Bran schlug die Decken zurück, mit einer einzigen, wütenden Gebärde. Sein großer Körper lag nackt auf dem schmutzigen Laken; von vielen Flecken darauf stieg übler Geruch auf. Exkremente klebten an den Schenkeln, Altersflecken und faltige Haut verunstalten den narbenbedeckten, massigen Leib. Der Coraniaid starrte darauf, nicht mit Ekel und Abscheu gegenüber den Zeugen von Alter und Krankheit, sondern mit tiefer Trauer und dem Erschrecken darüber, dass er nicht würde vollbringen können, worum der Alte ihn gebeten hatte. Oft hatte er Männer sterben sehen, in der Schlacht, im Kämpfen, würdelos aufgehangen am Galgen, und viele waren darunter, die er selbst getötet oder deren Tod er mit der Strenge des Richtenden befohlen hatte. Doch hier war es anders. Er wandte sich ab, und sein ganzer Körper zitterte.
»Vier Tage ist es her, seit es mich traf. Niemand, nicht einmal Fiallan, der Euch holte, hat mich so gesehen, und niemand anders wird mich so sehen. Der Körper ist stark und lebt noch, aber wie lange? Soll ich hier hilflos liegen und warten, bis er erschöpft ist, Tage, Wochen lang, in meiner Notdurft und gewaschen wie ein kleines Kind von zitternden Mägden, denen der Ekel im Gesicht anzusehen ist? Tötet mich, und tötet mich schnell!«
Der Coraniaid nahm die Kutte auf, die ihn gegen den Nebel und die Nässe auf dem Weg geschützt hatte, und suchte ein Pulver in einer kleinen Dose aus der Innentasche. Er vermied es, Bran anzublicken, als er sagte:
»Ihr werdet dieses Pulver einnehmen, und langsam wird sich der Tod einstellen, so langsam, dass Ihr es nicht spüren werdet.«
»Nein!«, schrie Bran. »Ihr werdet mich töten, mit dem Dolch, mit dem Schwert. Ein schneller Tod für einen alten Mann, der zulange gelebt und darauf gewartet hat, mit dem Schwert zufallen. Ihr seid der König! Wer soll es tun, wenn nicht Ihr?«
Wieder starrte ihn dieser an und zitterte stärker denn je. Seine mühsam gewahrte Haltung brach zusammen, er sank nieder auf einen Hocker, erbrach sich und beschmutzte die Kutte und das leichte eisendurchwirkte Kettenhemd, das er darunter trug.
Er sah auf und blickte starr, denn der Körper des alten Mannes war herausgerollt aus dem Bett und lag auf dem Boden. Er war nicht fähig, ihm zu helfen; er spürte auch, dass Bran es nicht wollte. Langsam zuckten dessen Glieder, langsam kroch Bran auf dem Boden entlang zum Kamin, zogen die Arme den schweren Körper hoch, zitterten und bebten die Beine, aber sie hielten ihn aufrecht. Und die Hände packten das große Schwert, das über dem Kamin hing und schwangen es durch die Luft.
»Wehrt Euch, Coraniaid!«
Wenige Schritte waren es, die er gehen musste, und er ging sie mit der Kraft jenes letzten Augenblicks, wenn nur noch das Feuer des Geistes den Körper unter seine Herrschaft zwingt. Hoch hob er das Schwert, und die Klinge fuhr herab, auf den König zu.
Die Schwäche hielt den Körper des Coraniaid weiter gefangen, und doch war es seine Hand, die zum Gürtel zuckte und den Dolch zog, ihn aufwärts stieß bis genau zu jenem Punkt, wo das Herz unter der Haut lag, ein Griff und ein Stoß, oftmals geübt und ausgeführt in der Schlacht, im Kampf; und genauso unwillkürlich schlug der linke Arm die Kutte herum und gegen den Stahl des Schwertes, sodass dieses nur leicht den Arm streifte und ritzte. Bran zuckte zusammen und starb.

Wieder verging eine lange Zeit; grünes Blut tropfte aus der Armwunde auf den Boden, doch den Schmerz durch das Schwert spürte er nicht, wohl aber den der Seele.
Dann erhob er sich; verstanden hatte er wohl, was Bran über die Pflichten des Herrschenden gesagt hatte. Er legte den Körper zurück auf das Bett, und obwohl er kräftig und groß gewachsen war, bereitete es ihm Mühe. Dann öffnete er die Tür. Auf einem Hocker draußen saß Fiallan, der Diener, und blickte ihn an aus rotgeränderten Augen, den Zeichen einer durchwachten Nacht. Er sah den toten Körper auf dem Bett und auch die Wunde, doch er fragte nicht und eilte, den Kübel mit warmem Wasser zu bringen, den der König ihm auftrug zu holen.
In der Einsamkeit des Zimmers säuberte der Coraniaid dann den Leichnam, wusch ab das wenige Blut, das aus der Wunde ausgetreten war, die Laken, seine Kutte und beseitigte auch das Erbrochene auf dein Boden. Schweres Segeltuch, Nadel und Faden wurden gebracht auf sein Geheiß, aber keiner betrat das Zimmer; alle klopften an und übergaben es ihm schweigend. Von der ungewohnten Arbeit zerstach er sich die Hände; auch der Arm schmerzte noch, obwohl die Blutung aufgehört hatte und er den mildernden Duft von Mailin roch. Doch er hielt nicht inne, ehe die Arbeit getan war. Der Körper war in einen großen sackähnlichen Behälter eingenäht, aus dem nur noch der Kopf herausragte.
So überließ er den Dienern dann den Körper und das Zimmer, ging zu einem anderen Raum und tat, was weiter getan werden musste. Boten wurden gesandt ins Dorf hinunter und weiter zum Festland; alsbald versammelten sich die Edlen von Cruachan in der Burg von Oileann. Sechs Tage wachten sie und trauerten, dann bestrichen sie den Behälter mit schwarzem Pech und luden ihn auf ein kleines Boot. Als die Ebbe kam und die Wasser sich zurückzogen, zündeten sie es an; langsam trieb es hinaus aus der Bucht und sank im tiefen Wasser.
Sodann feierte man in der Burg ein großes Fest, und Bran, der Urenkel des Alten, schwur den Treueeid auf den König, der ihm das Schwert gab, das gleiche Schwert, das er vor sechs Tagen noch abwehren musste. Eine Weile blieb der König noch und sah zu, wie sie in der Halle aßen und tranken, musizierten und sangen in fröhlicher Stimmung, wie es die Sitte war nach dem Tod eines tapferen Mannes und mehr noch der Ernennung eines neuen Fürsten.
Faelach macNessa war da, Sohn von Ness, dem Sohn von Ness Cavanagh, der die Ywer vertrieben hatte in der Schlacht, an der der alte Bran noch teilgenommen hatte; und sein Benehmen war den fünfzehn Sommern entsprechend, die er bisher gelebt hatte. Neben ihm saß Bran der Junge, kaum älter als er, der nun sein Oberherr war, und miteinander verstanden sie sich auf die Art der Halbwüchsigen, obwohl sie beide nun Macht hatten und Rivalen darum werden konnten. Selten nur kam ein Lächeln auf die Lippen des Coraniaid, denn zu oft musste er an das Geschehene denken und die Pflichten, die beide nun zu tragen hatten.
Noch mehr Schiffe und Boote waren es, die nun im Hafen lagen; festliches und geschäftiges Treiben herrschte in den schmalen Gassen und Wegen unterhalb des Burgberges, doch in all dem bemerkte niemand den Mann, der das kleine Segelboot aufs Meer hinaus lenkte. Fünf Tage und Nächte blieb er dort draußen, sah nichts als die Möwen am Himmel und die Sonne und das Meer, hörte nichts als das Rauschen des Windes und spürte nicht dessen Kälte.
Dann kehrte er zurück gen Cruachan und trat so auf, wie er es immer getan hatte und wie es die Pflicht des Herren gebot. Niemand hörte von ihm, was genau geschehen war, und nichts verriet am Äußeren die Erfahrung, die er gemacht hatte nach Brans Tod.
Zum ersten Mal in seinem langen Leben hatte auch dieser Coraniaid über das Alter nachgedacht.


(Manfred Roth: »Brans Tod«, Erzählung in Schlangenschriften 12, Follow 115, 1982)