We’ll Meet Again

Im Blickpunkt meiner Kurzgeschichte »We’ll Meet Again« steht die Rückkehr Amhairgins von Emhain Abhlach nach Magira im Jahr 57 ndF. Ihn treibt natürlich die Suche nach Corrabheinn und dem, was von ihm noch sein mag. Denn Corrabheinns Tod haben seine alten Freunde auf Emhain Abhlach gespürt. Der Titel erklärt sich mit unserer gemeinsamen Passion für Johnny Cash. Geschildert wird auch eine der verschiedenen Möglichkeiten, wie die Coraniaid von Emhain Abhlach aus reisen können. Es ist nicht ungefährlich, und es ist mühsam, doch nicht immer stehen andere Mittel zur Verfügung – die womöglich auch nicht weniger gefahrvoll sind.

Die Kurzgeschichte stelle ich auch (ohne die unten eingefügten Fotos) als PDF und in den E-Book-Formaten ePUB und MOBI zum Herunterladen zur Auswahl. Die Fotos in der Kurzgeschichte habe ich auf unseren Urlaubsreisen in Irland gemacht.


We’ll Meet Again

Amhairgin

»Corrabheinn.«
   Amhairgin sinkt auf die Knie. Schmerz zerschmilzt in seinem Kopf zu grellen roten Lichtblitzen. »Du bist tot«, flüstert er. Bleiernschwer stemmt er sich hoch, stützt sich gegen die Wand und wankt hinaus. Er ist erschöpft, müde. Noch spät las er in den alten Schriften der Coraniaid. Bis der rote Wind herbeifegte und ihn auf die Knie zwang. Nun herrscht die ewigschwarze Nacht in ihm.
   Amhairgin schaut hinauf zum Himmel. Die Sterne glänzen golden seit endlosen Ewigkeiten über Emhain Abhlach, doch zur Stunde wirft ihr bleiches Licht nur fahle Schatten. Und doch, so denkt er, fehlt dort oben ein Stern. Er senkt den Blick und geht zurück ins Haus.
   Er betritt das Schlafgemach. Ein kraftloses Feuer knistert im Kamin. Ailinn sitzt im Bett, ihre braunen Augen brennen vor Kummer. Auch sie hat es gespürt. »Er ist tot«, flüstert sie, und ihre Stimme verliert sich im Zimmer. Sie steht auf, legt ihre warmen Arme um seinen frierenden Leib, und sie fühlt sein Zittern.
   »Ich werde Ethain und Midhir aufsuchen müssen.« Er schöpft tief Atem, löst sich von seiner Liebsten und geht. Die Nacht ist mild, doch klamm, und wie ein feuchtes Tuch legt sich ein grauer Nebel über ihn, als er sein Pferd hinausführt aus dem Stall. Die Decke wirft er über, dann steigt er auf und reitet den fernen grünen Weg zum Hohen Haus Orlaith.
   Ethain erwartet ihn, und Midhir. Gewandet sind sie in feinstes Samt und Spinnenseide, geschmückt mit feinen Armbändern und Ringen und Broschen aus edlem Silber.
   »Du musst gehen«, sagt Midhir.
   Amhairgin nickt.
   »Wer sonst soll gehen«, und seine Stimme ist eine trockene Ödnis, und seine nun matten blauen Augen scheinen für einen Atemzug so alt wie die Untiefen des Meeres.
   »Dann geh und finde Corrabheinn«, sagt Ethain und legt ihre Hand ganz leicht auf seinen Arm. Ihre Augen finden seine, und sie sieht den Schmerz, und sie teilt ihn.
   Kein Wort wird mehr gesprochen. Nicht jetzt und nicht, als Amhairgin zurückkehrt zum Hohen Haus Macha. Der Abschied von seinen Eltern, Lady Neamhain und Lord Neith, fällt leichter als der von Ethain und Midhir, denn sie beide kennen Corrabheinn nur vage.
Doch als er das Haus betritt, in dem er mit seiner Sippe lebt, da eilt ihm Ailinn entgegen und stützt ihn, weil alle Bürde nun schwer auf seinen Schultern lastet.
   »Ich gehe mit dir«, sagt sie leise und küsst ihn auf die Wange.
   »Ich weiß«, mehr sagt er nicht.
   Und ruhig richten sie alles her, was sie für die Reise benötigen. »Wie lange werden wir bleiben«, fragt sie und schreibt rasch ein paar Zeilen für ihre beiden Söhne, die sicher wissen, wie es um Corrabheinn steht, doch weiter weg leben und nicht zum Hohen Haus eilen können.
   »Richten wir uns auf eine längere Zeit ein«, sagt er, »wir wissen nicht, wie lange ich die Spuren suchen muss, die mich zu Corrabheinn führen und zu dem, was ihm geschah.«
   »Du wirst ihn finden?«, fragt sie und weiß doch längst die Antwort.
   »Ich werde meinen alten Freund finden. Nicht so, wie wir ihn kennen, das weißt du. Aber ich werde mich von ihm verabschieden, wie es Sitte ist bei uns.«
   »Ich habe Crich´cron zu Ultan gesandt, damit keine Zeit verloren geht. Der Erzmagier wird das Nötige vorbereiten und die Pforte öffnen, sobald wir den Ionatúr erreichen.«
   Sie legen die letzten Utensilien zurecht, packen sie in die Beutel und schnüren diese fest zu.
   »Crich´cron muss später nachkommen, und Fionnbharr«, sagt er, »auch wenn der Junge ein Heißsporn ist.«
   »Eimhear wird mir folgen«, sagt Ailinn, »du weißt, der Weisen Frau vertraue ich wie meiner eigenen Schwester.«
   »So soll es sein. Weitere Coraniaid werden sich uns anschließen müssen. Nun aber lass uns aufbrechen.«

Sie reiten den Weg vom grünen Berg Dioghais hinunter ins Tal Gleannanm, weiter auf dem Slí na Sláinte entlang am Flüsschen Deargail. Am kristallklaren Wasserfall Eas Chonaill rasten sie kurz, queren dann den duftenden Wald Doire Mheadhon. Doch nun ist die Luft drückend und stickig, was ungewohnt ist für diesen hellen grünen Hain, der sanft zur Küste hin ausläuft.
Niemand begegnet ihnen, und sie erreichen An Tiolaís Nathrachtúr später am Nachmittag. Tiefe Wolken ziehen auf, und der Wind von der See fegt ihnen salzige Tropfen in ihre blassen Gesichter.
   Ultan ay´siochan erwartet sie, stattlich und schlank und gekleidet in eine himmelblaue Drachenrobe, mit grauem Haar, das fast silbern glänzt. Schweigend geleitet er Amhairgin und Ailinn, die er seit vielen Tagen kennt und mit denen gemeinsam er in Erainn war, die steinernen Stufen in die Tiefe. Die Stufen sind viel älter als der Turm darüber, und sie steigen hinab in den dunklen Raum mit der Pforte in eine Welt jenseits von Emhain Abhlach. In hellem Grün schimmert der Bogen, er flittert und flackert und umrankt das dunkle Grün im Innern, das sich zum schlummernden Pfad hin öffnet.
   »Wir sind bereit«, sagt Ailinn und nimmt die Hand ihres Gemahls, und Hand in Hand gehen sie hinein ins Grün, das sie verschlingt. »So sei es«, sagt Ultan noch und steigt die Stufen hinauf in den Turm, der nun im Sonnenlicht gleißt.
   Sobald Amhairgin gemeinsam mit Ailinn auf den schauerlich grünen Pfad geschritten ist, lösen sich ihre Hände voneinander. Nun ist er allein, wie es immer ist auf dem Weg durch das trübe Grün. Nur Schatten ahnen seine Augen, Konturen von anderen und mehr, flüchtig und neblig. Der Weg unter den Füßen ist weich und nachgiebig, jede Bewegung eine Mühsal, Waten auf den weichen Schwaden, die Beine schwer und versunken bis zu den Knien, die Hände greifen ins Nichts. Und doch bringt jeder Schritt ihn weiter, und die Zeit verrinnt in unaufhörlicher Geduld.
   Und nun die Schreie. In der Höhe, in der Tiefe, zu den Seiten, überall. Tausend Stimmen – und doch nur eine. Manche Stimme rieselt sanft wie der Sand, andere stöhnen unter Qualen und betteln und bangen. Und dann ist da ein Tosen um ihn herum und ein Seufzen von den Coraniaid, die eine Welt verlassen mussten und nun den Rückweg suchen in ihre Heimat, verzweifelt und ohne helfende Hand.
   Und es zieht ihn weiter vorwärts. Grüne Feuer flackern zu den Füßen, über ihm. Seine Hände kalt, und Kälte deckt ihn zu, hüllt ihn ein wie ein kalter Mantel des Todes, sein Körper zittert, und jeder Schritt wird schwer, so schwer. Schreie, die um Erlösung bitten, blinder Nebel, der wie Fesseln sich um die Beine schlingt. Fahle Finger, die nach ihm greifen, ihn ziehen wollen in den ewigen Tod.
   Der Atem gefriert noch auf den Lippen, die Augen tränen, und Tränen verwandeln sich in eisklare Tropfen, rieseln hinunter und lösen sich auf im kränklichen grünen Nebel. Noch mehr Nebel, so grauenvoll grün.
   Und nun hört er die Stimme, so wohl vertraut, doch die vorigen erloschenen Jahre ungehört. Verzerrt gesprochen wie unter Qualen, doch ist es der alte Freund, der um Hilfe ruft für seine Rückkehr. Und Amhairgin weiß, dass der Freund nicht verweilen darf auf dieser Welt und der Welt dazwischen, die nicht die seine ist und nicht die unsere.
   »Ich eile«, haucht Amhairgin, und die verlorenen Worte zersplittern im frostigen Wind. Umrisse tauchen auf, verschwimmen, treiben um seinen Körper, der sich gegen die Kälte stemmt, den Wind, das Elend, das um ihn tobt und zerrt und saugt und um seine Lebenskraft lechzt. Zurück wollen sie alle, doch die Kraft hat sie verlassen und keine Hilfe findet sich für sie, und der Pfad nach Emhain Abhlach ist weit, so unendlich weit …
… und dann fällt er durchs Grün hinaus in diese andere Welt, fern von Emhain Abhlach. Und er schließt die Augen, als der Schmerz seinen Leib erschüttert, und neben ihm sinkt Ailinn zu Boden, und ihre Finger klammern sich in seine, und sie sind vereint auf ewig, und dann schlafen sie, bis alle Qual von ihnen fließt und versinkt.
   Das grüne Tor in An Gormtúr auf der Welt Magira ist beschaffen wie das auf der anderen Seite in Emhain Abhlach. Die beiden erschöpften Coraniaid verlassen den kalten Raum in der Tiefe über eine Steintreppe. Die Eingangshalle im Rundturm ist verwaist, Spinnengewebe hängen in den Fensteröffnungen, die wie Wunden klaffen. Zerfressene Sessel und ein wackliger Tisch laden nicht länger zum Gespräch am Kamin ein, in dem ein schwarzes Fellknäuel aufwärts huscht.
   Ailinn streicht ihm über die Wange. »Du musst los, ich sorge mich um alles«, sagt sie zärtlich und küsst ihn auf die Lippen. Gemeinsam gehen sie nach draußen und baden im Licht eines frischen Morgens. Dann wandert er allein auf einem vor langen Zeiten grünen Weg.

Sie schaut ihm nach, verliert ihn aus den Augen, als der Frühlingsnebel ihn verschluckt, wie wenn er nie gewesen.
   An Loch Scáith und Loch Grian zieht er vorbei auf sprödem Gras, quert einen Bach, der jetzt im Herbst nur wenig Wasser führt, und gelangt zu den grünen Wiesen, wo der Bach sich vermählt mit anderen Bächen, die von den hohen Bergen hinabfließen und sich ins Meer ergießen.
   An sein Ziel gelangt er am späten Abend, ein geducktes Fischerhaus in den Dünen. Der Fischer erwartet ihn, und seine Frau und die Kinder stehen stumm unter dem krummen Reetdach und staunen. Der Fischer weist zum Strand. Da findet er ein kleines Curragh, das Boot des Fischers, umflogen von grell schreienden Möwen. Er schaut hinaus aufs Meer. Weit reichen seine Augen über Eigríochta Aigéan, den Endlosen Ozean, der undenkbar weit entfernt, wohin kein menschliches Wesen jemals kommt, auch Emhain Abhlach streift.
   Er drückt das hölzerne Gefährt ins Wasser, Sand knirscht unter dem Kiel, und er springt hinein, als Wellen um das Curragh schäumen. Die Sonne ertrinkt blutrot am Horizont, und die goldenen Sprengsel auf dem Meer erlöschen. Er greift die Ruder und taucht sie tief in die Wellen und rudert mit strammen Zügen hinaus in die schwarze See.
   Ein Wind kommt auf von Land und treibt ihn vorwärts, Salz spuckt ihm ins Gesicht, schmeckt auf der Zunge, und die Anstrengung brennt in den Lungen. Das Boot gleitet auf den Wellen, taucht hinunter, steigt wieder auf. Ruderzug um Ruderzug. Nebel flirrt aus der Ferne heran, ein krankes dunkles Grün. Die letzten Möwen schreien lachend über ihm, er lässt sie hinter sich, allein mit dem Wind und dem unendlichen Wasser, und alles ist nur grün und nichts.
Ruderzug um Ruderzug, bis sich zur Rechten ein wundervolles Eiland erhebt, doch ist dies die falsche Insel, und so rudert er weiter.

Die Stunden verfliegen mit dem beißenden Wind, der ihm entgegen stürmt, das Salz verkrustet die Augen, die Lippen spröde und die Hände steif vor Nässe und Kälte. Und Ruderzug um Ruderzug zieht er tiefer ins Meer.
   Und dann hört er ihn. Seine Stimme. Wie eine winzige Wolke schwebt sie herbei und stiehlt sich davon. Und kommt wieder, bleibt länger diesmal, verweilt, bis er sie fassen kann. Eine alte Stimme, und so fürchterlich lang nicht mehr gehört. Er greift sie und lässt sie nicht los, klammert sich an sie und rudert.
   Der Nebel so dicht.
   Ruderzug um Ruderzug.
   Dann taucht ein Schatten auf zu seiner Linken. Wächst zum Baum, wird ein Wäldchen aus Weiden am Strand, reiner weißer Sand und zauberhafte immergrüne Weidenbäume. Der Nebel flirrt davon, und es ist Stille, und die traumhafte Sonne strahlt noch spät in dieser fremden Nacht. Und das Boot läuft knirschend auf Sand. Er steigt aus. Folgt der Stimme, den verhaltenen Rufen, die von überall nun kommen. Sand knirscht unter den Sohlen, und der Wind weist den Weg zwischen die Weiden, deren Äste sich über ihm wiegen hin und her und ein Dach sind vor der glühend heißen Sonne. Und wundersame Vögel singen nun in den Weiden ihre Lieder auf dieser menschenlosen Insel.
   Er streift die Äste zur Seite und geht weiter, und die Zeit ist nie wichtig, und so geht er so lange, bis es genug ist und die Lichtung sich öffnet. Er tritt ein. Und inmitten der Lichtung, umrahmt von den Weiden, findet er die silberne Kette mit dem Smaragd, eingefasst in Silber und ohne Makel, den ein Coraniaid zeit seines Lebens nah beim Herzen trägt. Doch trüb ist der Smaragd nun, nicht länger klar, und der Frost des Todes funkelt tief in seinem Innern. Er nimmt ihn auf, und seine Finger krampfen vor Kälte. Und er schaut hinauf zum Himmel, und jetzt zieht eine schwarze Wolke davor, verhüllt die Sonne und kleidet die Lichtung in reinen Schatten.
   Und die alte Stimme ruft. Und nun hört er sie nicht mehr schattenhaft, nun versteht er Wort auf Wort. Er haucht die Worte, so wie er sie hört und die nur für sie beide bestimmt. Und er bietet seine helfende Hand, und sie wird genommen. Und damit schließen sie beide gemeinsam den Kreis für immer und ewig.
   »Go gcúmhdaí Nathir thú!«, flüstert Amhairgin hinauf zur verborgenen Sonne, ›Nathir stehe dir bei!‹, und sein alter Freund und das, was er nun ist, hört ihn, und er kann loslassen und zu den anderen wandern, wie es immer geschieht, wenn der Kreis sich schließt.
   Amhairgin sinkt auf die Knie. Mit klammen Fingern legt er sich die silberne Kette um zu seiner eigenen, wie es Sitte ist. Und tragen wird er sie, bis es vollendet. Und dann sieht er hinauf, und er sieht nur Schwärze.
   Doch er weint nicht. Er steht auf, als die Wolken davoneilen und die Sonne versunken ist wie für ewig erloschen. Und er wandert zwischen den Weiden zurück zum Boot, und drängt es ins Wasser, und es wiegt schwer wie tausend Boote. Er steigt ins Boot, und die Arme sind müde wie nach tausend schlaflosen Nächten, als er die Ruder ergreift.

Und zurück fährt er Ruderzug um Ruderzug. Der Regen beginnt, kühl und stärkend, doch kehrt die Kraft nicht wieder. Und zur Linken taucht das wunderbare Eiland auf und verschwindet. Die Sonne geht auf und geht unter, und er weiß nicht, wie oft. Dann sieht er das Ufer. Die Sonne taucht wieder ins Meer, und das Boot läuft knirschend auf Sand. Und dort steht Ailinn und wartet auf ihn.
   Und während die Sonne am Horizont blutrot versinkt und das Meer erlischt, nimmt sie ihn an die Hand und führt ihn in die Dünen. Dort legen sie sich gemeinsam nieder und schauen hinauf zum Himmel, so schwarz. »Wie lange war ich fort«, fragt er, und sie antwortet: »Fünf Nächte.«
   Dann tauchen die Sterne auf, einer erst, dann zwei, nun sind es viele, unendlich viele. Und doch fehlt einer. Amhairgin schaut Ailinn an, und sie sagt: »Warte.« Und gemeinsam warten sie, dass alles sich vollendet.
Und nun sehen sie, wie ein goldener Stern geboren wird, tief am Horizont, und er geht weiter auf und gewinnt seine Lebenskraft, und er leuchtet wie kein anderer, wandelt sich zum strahlenden Stern und steigt auf und weiter hinauf, bis er seinen Platz gefunden inmitten der Millionen anderer strahlender Sterne.
   »Corrabheinn«, flüstert Amhairgin, und auch Ailinn flüstert den Namen. Und die silberne Kette entschwindet, und mit ihr der erloschene Stein, der Smaragd. Und somit ist es vollendet.
   Und endlich ergießt sein Herz Tränen.
   Und er weint.
   Und das Weinen endet nimmermehr.