Airim und Ceara

Wann: Im Löwenmond des Jahres 57 ndF
Wo: In der schummrigen Kneipe »Dragún & Smaragaid« in der nicht minder schummrigen Anam Caolsráid (Seelengasse) in Areínnall
Wer: Airim und Ceara
Warum: Anmerkungen unten nach der Geschichte


Ceara huschte auf leisen Sohlen in die hinterste Kammer im Dragún & Smaragaid. Schon der geduckte Schankraum war düster. Doch das enge Zimmer, in dem die schwarz gekleidete Gestalt auf dem einzigen Lehnstuhl der jungen Diebin einen langen Blick zuwarf, lag schwarz wie eine sternenlose Nacht. Trotzdem bemerkte Ceara, wie die tiefblauen, flinken Augen des Mannes auf ihr ruhten, jede winzige Bewegung erfassten und sich dann in ihre Augen bohrten, als sie die Tür zum Schankraum hinter sich schloss und endlich auf dem schmalen Schemel Platz nahm. Kein Laut drang mehr von draußen herein.
Der Schemel stand an einem runden, mit Kerben übersäten Tisch, der ebenso schwarz war wie die mit Holz getäfelten Wände. Die Kammer war bis auf den Tisch und die Stühle schmucklos und leer. Zwei Tonbecher und ein irdener Krug standen auf dem kleinen Tisch. Der Mann nahm einen Schluck aus einem der beiden Becher, ohne den Blick von Ceara zu wenden, und stellte ihn ohne einen Laut auf dem Tisch ab. Er trug wie gewöhnlich schwarze Lederhandschuhe. Vielleicht wollte er verbergen, dass er seinen rechten Zeigefinger eingebüßt hatte. Doch jeder wusste davon. Nur wie er ihn verloren hatte, das hatte Ceara noch niemand verraten können.
Ceara schien es, als zerstörte sie die Stille, obwohl sie sich leise wie möglich auf den Schemel setzte. Sie trug ihre kniehohen schwarzen Lederstiefel mit den weichen Sohlen. Bei den kleinen Beutezügen, die sie ab und zu in die besseren Viertel der Stadt führte, schlich sie wie eine Katze umher. In der Gegenwart des Meisterdiebs aber fühlte sich Ceara wie ein Bauerntrampel. Ein dunkelrotes Wollkleid und ein lockerer Mantel über dem ledernen Mieder hatten nicht nur ihre ranke Figur vor neugierigen Blicken bewahrt, sondern sie auch auf ihrem Ritt von Gleann Daloch vor der aufziehenden Kälte bewahrt. Von der See wehten die ersten kühlen Herbstwinde übers Land.
»Eirr«, sagte sie leise, als ob sie ihn nicht stören wolle, »ich bin zurück.« Seltsam, aber in Gegenwart des Samilgadaínach, des Meisters aller Diebe, begann sie jedes Gespräch, als ob sie nicht bei Verstand sei. Zumindest stotterte sie nicht los wie bei der ersten Unterredung im vergangenen Jahr, als sie ihm vorgestellt wurde.
»Ich weiß«, sagte der Mann mit ernstem Gesicht. Doch wie auf einen Wink entspannten sich seine Gesichtszüge. Er konnte das breite Grinsen nicht länger zurückhalten. Das Gesicht des älteren Manns bekam einen fast schelmischen, ja sogar jugendlichen Ausdruck. »Mach dich locker, Ceara, lass das Eirr, auch wenn ich ein Herr bin. Unter uns gehen wir zwangloser miteinander um.« Seine Augen flackten munter. »So lange ich es will«, fügte er an. Jetzt schaute er wieder gestreng. »Nun berichte mir. Doch trink erst einen Schluck.«
»Airim«, fing sie an, nahm dann aber den Becher und trank einen kräftigen Schluck. Schlehenwein – ein wenig sauer, und er rief Erinnerungen an die Kirschen im Garten ihrer Großmutter wach, die sie vor wenigen Jahren immer des Sommers genascht hatte. Sie wischte sich den Mund trocken. Der herbe Nachgeschmack störte, und ihre Großmutter war tot, ermordet genau wie ihre Eltern. Einer der Gründe, weshalb sie sich damals nach Areínnall aufgemacht hatte und in die Dienste einer Diebesgilde eingetreten war.
Airim wartete geduldig.
Ceara strich sich die vorwitzigen nachtschwarzen Locken aus dem Gesicht. »Ich habe getan, was du mir aufgetragen hast. Es war nicht einfach. Wusstest du, dass im Tal richtig was los ist?«
Airim reagierte nicht.
»Gut, dann eben nicht. Unsere Informationen waren alle falsch. Gleann Daloch ist nicht verwaist. Häuser wurden neu gebaut, und noch jetzt, als ich das Tal verließ, errichteten sie neue Gebäude. Wohnhäuser, Lagerhäuser, Ställe für Vieh und Schuppen für Getreide und Vorräte. Da entsteht etwas, Airim.«
Der Meister aller Diebe verschränkte die Arme auf dem Tisch und beugte sich vor. »Das Wichtigste, Ceara. Sind Coraniaid dort?«
Es klopfte an der Tür. Airim hob nicht einmal den Kopf, als er zischte. »Hau ab!«
Ein kaum hörbares »Verzeiht!«, dann war wieder Stille. Ceara musterte Airim. Sie kannte ihn seit gut einem Jahr. In diesem Jahr war so viel geschehen. Aus der jungen Frau, die in den Gassen der Hauptstadt herumstromerte wie eine wilde Katze und dabei dort, wo es ihr gefiel, Dinge stahl, kleine und größere, war eine ehrgeizige Diebin geworden. Nicht ohne Lehrgeld zu zahlen. Niemand in Areínnall nahm sich aus den Taschen anderer etwas, ohne dass die Diebesgilde aufmerksam wurde. Und bevor sie Reißaus nehmen konnte, war sie in deren Fängen gelandet. Zu ihrem Glück, wie sich herausstellte, denn eine junge Diebin fand in einer Stadt wie Areínnall schnell den Tod, zerrieben zwischen den verbandelten Dieben und der Gardaí, den Wachen der Stadt.
Dabei war sie doch so gern unabhängig …
Ihre Gedanken flogen dahin. Sie fasste sich wieder. »Sie sind im Tal, Airim. Wie viele, weiß ich nicht. Als ich ankam, waren es nur wenige, doch vor einer Woche tauchten mehr von ihnen auf. Es kam fast zu einem Tumult. Keine Ahnung, womit sie angereist kamen, ich sah keine Pferde, und zu Fuß waren sie auch nicht. Im Dorf erzählten sie von einem fliegenden Schiff, aber in An Láithreach wird viel erzählt. Sicher Spinnereien. Da gibt es einige, die sich wichtig machen wollen …«
Ceara sah den Glanz in Airims Augen. »Hast du Namen?«, fragte er.
»Amhairgin. Ailinn. Eimhear. Ein Magier noch, Crich’cron heisst der. Und andere. Ich schätze, es sind acht oder zehn von denen. Tief ins Tal dürfen wir nicht, aber vom unteren See sieht man einen Turm weiter hinten, wo sich der größere See befindet.«
»Ein Ionatúr ist das, ein Turm der Wunder. Ich habe einen solchen bei Cuanscadan gesehen.« Airim füllte beide Becher nach.
Ceara wusste, der alte Dieb stammte nicht aus Areínnall, sondern aus dem Süden, aus den Regionen, die früher einmal zu Erainn gehörten. Viel mehr hatte sie nicht erfahren, obwohl sie Cúmhaí, einen erfahrenen Dieb und ihr Ziehvater in der Gilde, so oft gelöchert hatte. Dieser Airim interessierte sie, ihn umgab etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes. Für sein Alter sah er sogar richtig frisch aus. Man sagte, er sei mindestens 60 Jahre alt, andere schätzten ihn auf mehr als 80 Jahre, doch trage er wohl viel vom Coraniaiderbe in sich, was ihn nicht schnell altern lasse wie gewöhnliche Menschen.
»Jedenfalls ist es seit einigen Tagen ein Kommen und Gehen, viele aus dem Clann Lochlainn sind angekommen und gleich wieder weggewesen. Ein Bergwerk ist in der Nähe, aber es wird viel Aufhebens drum gemacht, man dürfe nicht dahin, wenn man nicht die Erlaubnis hat. Und so halt.«
»Und, was hast du da gesehen?«, fragte Airim. Natürlich wusste er, dass die junge Diebin sich von Verboten nicht lange aufhalten ließ.
Ceara grinste so breit, als wolle sie Airim in einem Breitgrinswettbewerb schlagen. »Aithinn nennen sie das, was abgebaut wird. Sie schaffen es mit Karren aus dem Bergwerk in ein anderes Tal. Dort ist eine Schmiede. Sieht alles neu aus.«
Ceara trank ihren Becher leer, fuhr sich über den Mund, aus dem die Worte dann wieder sprudelten. »Und du kommst nicht drauf, was ich noch entdeckt habe.« Sie füllte ihren Becher selbst nach, stutzte dann. »Ich darf doch.«
»Schön, dass du fragst«, sagte Airim und ließ die allerletzten roten Tropfen in seinen Becher rieseln. »Erzähl weiter.«
Die junge Diebin kreuzte nun selbst ihre Arme auf dem Tisch und näherte sich Airims Gesicht bis auf eine Handbreit, als wolle sie ein großes Geheimnis nur ihm preisgeben. »Da zweigt einer was ab!«
Dann prustete sie in ihren Becher vor Lachen. »Diese Coraniaid werden beklaut! Stell dir das mal vor. Ist doch unglaublich. Diebe überall. Was hältst du davon?«
»Ja, dieses Diebsgesindel macht vor nichts halt, nicht einmal vor Coraniaid«, sagte er.
Ceara war enttäuscht, denn sie hatte mehr erwartet. Häme vielleicht, Schadenfreude oder Entrüstung, weil die allgegenwärtige Diebesgilde keinen Zugriff hatte, obwohl Gleann Daloch ja nicht so weit vom Einflussgebiet der Diebesgilde in Areínnall lag.
»Und, willst du nichts unternehmen?«, fragte sie, »wissen, wer diese Diebe sind? Sie zurechtstutzen, immerhin klauen sie direkt vor deiner Nase, also nicht sooo weit weg von hier, meine ich mal.« Irgendwie reagierte Airim nicht so, wie sie erwartete. Sollte er nicht aufspringen, den Tonkrug gegen die Wand pfeffern, wenigstens ein bisschen fluchen? Sie hatte ihn für ehrgeiziger gehalten. Diebe verteidigen doch ihr Territorium, dachte sie.
»Ich werde mit Amhairgin sprechen, ich bin dem Fürst wohl noch etwas schuldig.« Airim setzte den Tonbecher an die Lippen, schaute dann aber ernüchtert. »Ach«, sagte er, setzte den Becher behutsam ab, nahm seinen Federhut, den er über die Stuhllehne drapiert hatte, setzte ihn auf einen hellen Haarschopf, dass er ihm ein spitzbübisches Aussehen verlieh, und erhob sich.
»Erstklassige Arbeit, Ceara«, sagte er, lächelte sie an und wies mit seiner rechten Hand zur Tür. »Dann wollen wir mal.«
Ceara guckte ratlos. War das alles, keine Fragen, kein Plan, wie sie diese Diebe in den Griff bekommen sollten?
»Was wollen wir mal?«, fragte die junge Diebin. Sie war schon fast zur Tür raus. Doch bevor der Lärm aus der Schankstube die Worte des Meisters aller Diebe wegfegte, hörte sie, wie er leise sagte.
»Dann wollen wir mal Herrn Amhairgin einen Besuch abstatten. Sattel zwei Pferde, wir reiten nach Gleann Daloch.«


Die Geschehnisse in Gleann Daloch (Tal der Zwei Seen) beziehen sich auf die Ankunft der Coraniaid nach dem Ableben Corrabheinns. Zuerst reisen Amhairgin und Ailinn von Emhain Abhlach nach Erainn. Die Geschichte hierzu findet sich in den Schlangenschriften 101 (erschienen in: Follow 450, Seite 249 ff.) Später folgen weitere Coraniaid von Emhain Abhlach.
Airim wird in meiner Kurzgeschichte »Das Schwert von Muirchertagh« (erschienen in: Follow 372, 2001) erstmals erwähnt. Für die Erainn-Seite habe ich die Kurzgeschichte überarbeitet und angeglichen. Amhairgin hört darin zum ersten Mal vom jungen Dieb Airim. Die Kurzgeschichte findet sich hier: Das Schwert von Tighearnach. Außerdem wurde Airim als Charakter im Quellenbuch Cuanscadan zum Rollenspiel MIDGARD verewigt; eine Beschreibung findet sich dort auf Seite 32 unter »H9 Dieb«. Das Quellenbuch ist derzeit nicht lieferbar; der Link verweist auf meine Website zur Rollenspielstadt Cuanscadan. Damals war Airim um die 20 Jahre alt und er lebte noch in Cuanscadan. Doch das war um das Jahr 15 ndF (umgerechnet auf die magiranische Zeit). Seitdem ist viel passiert, wie die kurze Geschichte zuvor belegt …
Ceara taucht erstmals in einer Geschichte auf. Ihr Name bedeutet »schwarz« und bezieht sich offenbar auf ihr rabenschwarzes Haar. Ob Ceara ihren Namen seid ihrer Geburt trägt oder ob sie ihn später erhalten hat, bleibt momentan ungeklärt. Wenn Ceara mir gefällt, wird es sicher nicht ihr letzter Auftritt sein.