Wie die Augenrollergasse zu ihrem Namen kam

Die folgende Kurzgeschichte spielt in der Hafenstadt Cuanscadan vor langer, langer Zeit. Sie wurde vor einigen Jahren geschrieben …


Wie die Augenrollergasse zu ihrem Namen kam

Kurzgeschichte von Amhairgin

Cuanscadan schwimmt in einem Meer von Sagen und Märchen und kleinen und großen Flunkereien. Doch alle bergen einen mehr oder minder wahren Kern. Wie groß der Kern der Geschichte um die Augenrollergasse ist, weiß niemand mehr zu sagen, aber spannend genug ist die Geschichte allemal, dass sie in einer lauen Winternacht am prasselnden Kaminfeuer feilgeboten wird.

Es war einmal der Magier Brandubh, der sein Handwerk gut verstand. Er zauberte hier, und er zauberte da. Und er war nicht nur in der Stadt bekannt, sondern gleich noch weit über die Stadtmauern hinaus. Das lag an seinen vielen Reisen, die er ach so gerne unternahm, um in der Ferne mit seinem Handwerk zu prahlen – und gute Nathrod dabei einzufahren.

Seine angetraute Cairbre war jung und hübsch. Sehr hübsch. Und sie war einsam. Sehr einsam. Ein Krieger – nennen wir ihn Cathal, denn so lautete auch sein Name – stromerte eines tristen Tages seines Wegs und warf ein Auge auf die fesche Maid. Das Auge wurde zurückgeworfen. Und schwups haste nicht gesehen lagen sie sich in den Armen und bald eng umschlungen in den Betten. Dort spielte es sich ab, worüber der Erzähler den Mantel des Schweigens breitet (wiewohl die Leute in den Gassen sehr hellhörig wurden).

Als Brandubh schwer beladen mit den vielen Nathrod nach Hause kam, erhaschte er noch flugs den wehenden Mantel des Kriegers, der aus dem Fenster des Schlafgemachs huschte und die schmale Gasse hinabstob. Weil Brandubh gut rechnen konnte, zählte er rasch eins und eins zusammen und kam zum Resultat: Da wollt mir einer doch zwei Hörner aufsetzen! Das mochte Brandubh gar nicht gern, und so wurd ihm schwer ums Herz, so schwer, wie der Rucksack Nathrod trug. Und davon steckten viele in dem Beutel.

Hernach schrie und brüllte und grölte Brandubh zeter und mordio und trieb seine geliebte Angetraute aus dem Haus. Draußen, auf der Gasse, die längst ein Sammelort für eine große Schar Gaffer und Lauscher geworden war (es wurd zwar generell viel gegrölt in den Gassen der Stadt, doch das jemand gleichzeitig schrie und brüllte und grölte, das kam dann doch verhältnismäßig selten vor), lachte er mit rotglühenden Augen auf. Dann guckte er ganz zornig, vielleicht sogar ein bisschen böse, aber auf jeden Fall nicht gut gelaunt.

Das gab der Angetrauten zu denken. Doch weil sie noch im siebten Himmel schwebte, blieb ihr Denken allzu umwölkt, ansonsten hätte sie sich an die Fähigkeiten von Brandubh erinnert. Die lagen weniger im irdisch-fühlbaren, sondern mehr im astral-mentalen (was einem jungen Mädel wie Cairbre so gar nichts nutzt und einem auch nicht warm ums Herz werden und überhaupt manchmal zittern lässt, wenn Flammen aus den Fingern des Liebsten zucken). Jedenfalls brabbelte Brandubh das Übliche und schwenkte die Arme, bis Cairbre die Augen aufriss und ihr der Atem stockte (oder andersherum).

Cathal indessen tauchte nochmals auf, am Ende der Gasse, das Schwert wieder in der Hand. Brandubh lachte erneut, dann verging allen, die mit großen Augen das Schauspiel verfolgten, die gute Laune: Langsam, ganz langsam quetschten sich Cairbres Augäpfel aus den Höhlen. Ein Augenblick der atemlosen Stille folgte. Dann tropften die beiden Augäpfel auf den Boden und rollten zögerlich die Gasse hinab. Cairbre stürzte mit einem letzten Schrei ihrem Angetrauten zu Füßen. (Sie sollte bald darauf den Verstand verlieren und, so erzählt man sich, unter der Obhut der Weisen Frauen ein trauriges Leben geführt haben. Ach.)

Die Augen also rollten. Cathal brüllte. Mit einem weiteren Aufschrei stürzte er auf Brandubh zu und hieb ihm mit einem heftigen Schlag den Kopf ab. Genau dort, wo es am meisten schmerzt, also knapp unterhalb des Kinns. Der Kopf platschte auf den Boden und rollte flink die Gasse hinab. Er holte zwar die beiden Augäpfel nicht mehr ein – die im Gleichklang mit einem „Plink!“ an einer Hauswand stoppten –, fabrizierte dafür aber ein sattes „Plonk!“Allseits war Entsetzen angesagt, die meisten waren für den Augenblick völlig von der Rolle und wollten niemalsmehr gaffen oder lauschen oder neugierig sein (ein Versprechen, das bis zum folgenden Tag Bestand haben sollte, als in einer anderen Gasse ein Möchtegern-Magier dasselbe Kunststück probierte, aber kläglich an seinem Widersacher scheiterte, dem er nur zwei dicke Brocken aus der Nase … Auf jeden Fall schworen sich darauf wieder ein paar der Gaffer, niemalsmehr und so weiter). Das hielt einige aber nicht davon ab, gleich die Hundegasse, wie sie bis dato hieß, umzubenennen in das poetischere Augenrollergasse. Eine kluge Wahl, denn solche Namen merkt sich der gemeine Städter viel besser.

Cathal übrigens verdrehte ob des kurzen Kampfes einmal kurz die Augen (woraufhin ein rasch herbeigeeilter Zulauf-Barde eine neue Weise anstimmte: „Aug um Auge, Kopf um Kopf, es ist nicht schad um diesen Tropf!“), dann grunzte er wie ein echter Krieger, wischte sich den Mund ab und dachte sich ganz schnell, bevor der Gedanke wieder enteilt war: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ Darauf kehrte er um, stapfte in die nächste Gasse und machte einer anderen feschen Maid schöne Augen.

Was lehrt uns diese Mär: Augen zu und durch? Nein, lieber: Manchmal sollte auch ein gehörnter Gatte beide Augen zudrücken.


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