… und Finsternis wird wieder sein

Wann: Im Falkenmond des Jahres 57 ndF
Wo: In Caiseal Stéig in Dún Chaoin weit im Süd Erainns
Wer: Banríon Cailín, Aibell, Beara
Warum: Weil nicht alles gut ist, was gut scheint.


Der folgende Geschichtenschnipsel spielt ganz im Süd von Erainn an der Grenze zu Clanthon. Caerabhis heißt der Landstrich im Nor hiervon, in der Hauptsache handelt es sich um karge Schafweiden in einem felsreichen Hoch- und Heideland um die Stadt Imrith herum. Daingeann dagegen drückt sich an die »Kahlen Hügel des Schattens« an, die Fornochta Scaith – Geröll- und Felseinöden mit karger Vegetation, tiefen Schluchten und wenigen Zugängen zum Meer der Roten Sonne, dem Rian Deargrian. Einer dieser Häfen ist die kleine Stadt Dún Chaoin, die dem vergessenen Fürstentum seinen Namen gab. Dún Chaoin aber, die uralte Feste, ist längst vergangen; nicht weit von ihren gemiedenen Ruinen erhebt sich seit vielen Jahren die neue Burg Caiseal Stéig.
   Die Bewohner sind sehr eigen – doch welcher Erainner, der etwas auf sich hält, würde dies nicht von sich behaupten. Doch die Menschen in den Bergen sind zurückhaltend, misstrauisch, verschlossen. Nicht viel anders zeigen sich die Einwohner der Siedlungen am Meer, auch wenn regelmäßig Handelsschiffe ihre Waren dorthin bringen und eintauschen gegen das Wenige, was in Dún Chaoin hergestellt und für den Weiterverkauf gedacht ist.
   Wen nimmt es da wunder, dass über den Rí des Fürstentums wenig bekannt ist. Cúmhaighe hieß der Letzte, jung war er, als er von seinem Vater des Rí übernahm, und jung starb er – auf mysteriöse Weise. Natürlich wurde darüber reichlich geraunt, doch schnell vergaßen die Menschen in Dún Chaoin – und erst recht über die Stadtgrenzen hinaus, denn den gemeinen Landbewohner interessiert das Dasein »seines« Rí nur dann, wenn Abgaben erhoben werden oder ein Heer auf die Beine gestellt werden soll, wenn wieder einmal finstere Wesen die nie genau festlegten Grenzen unsicher machen.
   Seit einigen Monden nun herrscht nicht mehr Cúmhaighe. Und zuerst rieben sich die Menschen die Augen, dann überfiel sie ein seltsamer Gleichmut, ein stummes Einverständnis damit, dass nun eine Banríon, eine Königin, im Fürstentum das Sagen hat. Cailín heißt sie, und wenn ein Fremder die Bewohner fragt, wer sie denn sei, woher sie komme und warum sie diese Stellung innehat, dann schauen die meisten verständnislos und geben keine Antwort. Warum, das erfährt der Fremde nicht.
   Und so betrachten wir die jüngsten Ereignisse in der Burg des kleinen Hafenstädtchens Dún Chaoin an. In Caiseal Stéig, in der schon Cúmhaighe und seine Vorgänger ihre Ratssitzungen abhielten. Nur dass sich vieles seither verändert hat, selbst in der Kürze der Zeit. Doch schauen wir uns an, was geschieht, und vielleicht erfahren wir dann mehr als die Fremden, denen keine Antwort gegeben wird …

[Diese Geschichte ist im Entstehen und wird fortwährend weitergeschrieben. Stand: 23. Januar 2023]

______

Sanfter feenhafter Singsang schwebte die Wände entlang, tropfte zu Boden, perlte dort ab, zog zu den Fenstern des Saals hinaus und entschwand im fahlen Licht des frühen Morgens. Draußen trotzten dichte Wolken den ersten Sonnenstrahlen. Dún Chaoin, die kleine Hafenstadt, lag schlaftrunken zu Füßen der kreidebleichen Burg.
   Doch im Saal von Caiseal Stéig regte sich längst Leben. Eine Frau saß auf dem großen Thron der Schwarzen Blüten, der aus einem einzelnen Baumstamm gefertigt war. Sie war Cailín, die Banríon.¹ Ihre bleichen Finger ruhten auf den verspielten Lehnen. Ihr ranker Leib zierte ein Kleid, das weiß war wie ihre Haare, die ihre Schultern in sanften Wellen hinab rankte. Blass war auch ihre Haut, wie wenn sie die Sonne scheute, die in diesem Landstrich so weit im Süd seltener schien als andernorts in Erainn.
   Ihre Lippen umspielte ein fast sanftes Lächeln, als eine zweite Frau den weiten Saal betrat. Sie schloss die Doppeltüre leise hinter sich, schlug dann den grauen Mantel um ihr schlohweißes Kleid aus Spinnenseide, das ihr geschenkt worden war vor … ja, wann war dies. Sie wusste nicht mehr, wie viele Tage dies nun hinter ihr lag.
   So wie sie sich nur an wenig erinnern konnte, was jenseits eines bestimmten Tages vor einer Handvoll Monde lag.
   Auf blanken Füßen glitt sie über den kalten Stein. Filigrane Muster waren darin eingelegt, deren Bedeutung sie kannte und die sie noch mehr frösteln ließ. Vieles war vor ihrer Rückkehr verändert worden in Caiseal Stéig, dessen Bedeutung nur Wissende einschätzen konnten. Dabei hatte sie die Burg gar nicht gekannt, als sie in diesen verlorenen Streifen zwischen den Ländern Erainn und Clanthon kam.
   »Wir haben endlich Kunde, Máistréas²«, sagte sie, noch bevor sie die drei Stufen hinauf zum Thron gehuscht war.
   Die Königin hob ihre linke Hand leicht an. »Komm zu Atem, Beara.« Ihre leisen Worte strichen wie ein eiskalter Hauch durch den unendlichen Saal.
   Beara verharrte vor ihrer Königin. Sie strich sich eine goldfarbene Strähne aus dem Gesicht. Ihre Augen, das linke grau, das andere grün, glänzten. Die Robe bauschte sich sanft im Morgenwind, der von der See hereinwehte. »Wir haben eine gefunden, eine gute Tagesreise von hier in den Bergen. Róis heißt sie, frisch vermählt soll sie sein und abseits der Dörfer auf einem Gehöft mit ihrem Mann leben.«

 


1: Erainnisch: Königin

1: Hochcoraniaid: Herrin (Anrede)