Mumain und der Namenlose

Wann: Im Löwenmond des Jahres 57 ndF
Wo: In einer ansehnlichen Vile (Villa) am Rande Areínnalls
Wer: Dalaigh Mumain und ein Namenloser
Warum: Anmerkungen unten nach der Geschichte


Dalaigh Mumain, eine anmutige Coraniaid und erst seit wenigen Monden Rechtsgelehrte in Areínnall, ist fein gekleidet in einem knöchellangen smaragdgrünen Kleid aus edlem Samt, in der Taille gebunden mit einem Gürtel aus dunkelgrünem Leder, die Haare, die wie kastanienbraune Ranken ihren Rücken hinabfließen, durch einen Stirnreif nur sanft gebändigt, und Armreifen schimmern golden an ihren Handgelenken, und Ringe zieren ihre zarten Finger. Dalaigh Mumain empfängt an einem späten Nachmittag einen jungen Mann ohne Namen in ihrem prächtigen Haus mit den zierlichen runden Türmen und der Anmut wie sie selbst, aus weißem Stein so rein, als laste kein Alter auf ihm.
Der Namenlose wiederum ist nicht minder groß gewachsen und schlank wie sein Gegenüber. Doch seine Kleidung, unscheinbar und schmucklos, lässt ihn in den Gassen fast unsichtbar werden, wie einen Schatten huschen. Zuweilen taucht er ein in dunkle Ecken, verschwindet zur rechten Zeit wie nie gewesen, springt dann von Mauer zu Mauer und hinein durch ein Fenster. Und sammelt nicht nur Pretiosen, sondern auch Informationen.
Und deshalb ist er heute in dieser vornehmen Vile, ohne diesmal etwas mitgehen zu lassen. So ist es verabredet, obgleich es ihm nicht leicht fällt. Doch beide respektieren sich. Und selbst wenn Dalaigh Mumain weiß, dass sie ihr Wissen von dem, was dieser Namenlose treibt, weitergeben müsste, wird sie doch stumm bleiben. Sie hat ihre Gründe, den Namenlosen namenlos bleiben zu lassen. Bis auf Weiteres zumindest …
Das Gespräch läuft in fast zwangloser Atmosphäre ab, doch ist es kein Geplauder, sondern die einseitige Weitergabe von Informationen. Der Namenlose informiert Dalaigh Mumain, dass Airim, der sich selbst gern Samilgadaínach, Meister aller Diebe, nennen lässt, gegen die Mittagsstunde mit der jungen Diebin Laoise die Stadt verlassen hat. Gemeinsam seien sie gen Ydd geritten. Dalaigh Mumain vermutet natürlich sogleich, dass es die beiden Diebe nach Gleann Daloch zieht, weiß sie doch längst um die Vorgänge dort.
Darüber hinaus berichtet der Namenlose noch über Hergänge, die eine neue Diebesgilde in Areínnall betreffen. Einen Namen könne er noch nicht nennen. Dalaigh Mumains Blick, der dem Namenlosen natürlich nicht entgeht, spricht Bände: Sie glaubt ihm nur die Hälfte von dem, was er ihr erzählt, und das ist nur ein Viertel dessen, was er wirklich weiß. Doch sie lächelt.
Und so verabschieden sie sich voneinander. Der Namenlose in dem Glauben, wenigstens bis zum nächsten Gespräch mit Dalaigh Mumain auf der sicheren Seite zu sein. Und Dalaigh Mumain in der Gewissheit, dass die ruhigen Tage in Areínnall gezählt sind – so es diese ruhigen Tage überhaupt jemals gegeben hat.
Und sie weiß, sie sollte den Namenlosen wohl nicht aus den Augen lassen. Sie ruft Ethlenn herbei, ihre Vertraute …


Sowohl Dalaigh Mumain als auch der Namenlose tauchen in dieser kleinen Geschichte zum ersten Mal auf.
Der Namenlose bleibt bis auf Weiteres – namenlos. Damit kein Missverständnis entsteht: Dalaigh Mumain kennt selbstverständlich seinen Namen. Nur Du kennst ihn nicht. Und ich als Berichterstatter kenne seinen Namen vielleicht auch nicht. Oder kenne ich doch den Namen des Namenlosen? Wir werden sehen. Eines Tages …
Dalaigh Mumain wird in Areínnall sicher weithin bekannt sein, wiewohl sie erst einige Monde dort als Dalaigh tätig ist.
Eine Dalaigh ist eine Rechtsgelehrte, die als Anwältin vor einem erainnischen Gericht eine streitende Partei vertreten kann. Darüber hinaus ermittelt eine Dalaigh bei Notwendigkeit. Dies soll der Richterin bei der Urteilsfindung helfen. Diese Richterinnen heißen in Erainn Brithiúna (Einzahl: Bríthean). Sie finden sich vornehmlich in größeren Städten wie der Hauptstadt.
Da Mumain eine Coraniaid ist, muss davon ausgegangen werden, dass sie eine spezielle Ausbildung zur Dalaigh erhalten hat. Vermutlich ist sie eine Fionnacórach, eine Rechtfinderin, die in einer mehrjährigen Ausbildung geschult wurde und sicher auch über magische Befähigungen verfügt. Sie wird zudem über die »Gabe der Schlange« verfügen, die Tiolais Nathrach. Ob sie gar eine Ban Uídeas ist, eine Weise Frau, geht aus den bisherigen Erkenntnissen nicht hervor.
Die Geschehnisse in Gleann Daloch (Tal der Zwei Seen) beziehen sich wie »Airim und Laoise« auf die Ankunft der Coraniaid nach dem Ableben Corrabheinns. Zuerst reisen Amhairgin und Ailinn von Emhain Abhlach nach Erainn. Die Geschichte hierzu findet sich in den Schlangenschriften 101 (erschienen in: Follow 450, Seite 249 ff.) Später folgen weitere Coraniaid von Emhain Abhlach.