Im Angesicht des Drachen

Cyrril von den Atsingari und ich haben in den vergangenen Monaten einige E-Mails hin- und hergeschrieben. Natürlich ging es auch um FOLLOW. Und wie von selbst kam die Rede auf Amhairgin und auf Cyrril und ob sie sich nicht früher einmal begegnet sein könnten, als Amhairgin noch auf Magira weilte und Cyrril sein Gedächtnis noch nicht verloren hatte. Und prompt ließ sich eine Geschichte entwickeln, die auch bedachte, dass die beiden Realpersonen dereinst bei Festen der Fantasie jeweils zweimal den Titel des 1. Speer errangen. Das alles ließ sich vortrefflich in eine Geschichte weben, die in Cuanscadan im Süden Erainns spielt – als dieser Teil Agenirons noch zu Erainn gehörte. Cyrril wird die Geschehnisse im »Zinken 36« aufgreifen. Eine andere Zeit war das, genau genommen im Jahr 12 ndF. Was zu der Zeit im Fürstentum Cuanscadan geschah, lässt sich leicht in der FollowPedia ablesen:

Die kleine Geschichte schildert nun, wie der Junge Cyrril und der Coraniaid Amhairgin gemeinsam dem Drachen Ruafásach das Fürchten lehren …


Im Angesicht des Drachen

Amhairgin

Sein feuriger Atem fegt die Männer von den Mauern hinweg wie welkes Laub. Die Mauern glühen unter der Wucht und Hitze der Flamme, zerstieben zu Asche und wehen davon. Fünfzig Schritte oder mehr sind leergebrannt, kein menschliches Wesen überlebt den Angriff von Ruafásach, dem Roten Drachen, der vor wenigen Tagen erst aus dem Corran heranstürmte, dem Sichelgebirge weit im Norden Erainns.
   Dann stürzt er davon, und nur Hitze bleibt, wo der rasende Drache noch Augenblicke zuvor für Tod sorgte.
   Der Coraniaid kommt zu spät. Einen Speer hält er in der Linken. Ein Röcheln von weit weg, nahe beim zerborstenen steinernen Turm. Der Coraniaid taucht den magischen Gáe mit der glutheißen Spitze zum Kühlen in einen Bottich mit nun siedendem Wasser, das vom Drachenatem fast zum Kochen gebracht wurde. Er gleitet zum Krieger, der gegen die Mauer gelehnt liegt, und kniet sich zu dem verbrannten Mann.
   Doch es gibt nichts mehr zu tun für den Coraniaid; der Mann stirbt ohne einen letzten Blick, ohne ein letztes Wort in seinem Arm. Er schließt ihm die blinden Augen.
   Dann erhebt der Coraniaid sich, seine Augen hinaus gerichtet in die Weite. Blasser grüner Schatten, flimmernd und glühend, manifestiert sich jenseits des Geschehens, hüllt die Stadt nun behutsam ein als schützender Mantel, gewebt aus feinem Garn und zart wie Gespinst. Die Weisen Frauen haben getan, was sie können, doch gelang es zu spät, und so hat Ruafásach sich zuvor hineingestohlen und sein blutrotes Werk verrichtet.
   Ruafásach braust mit wildem Brüllen wieder heran. Sein mächtiger Körper steigt auf von unterhalb der geschundenen Mauern, seine Flügel so weit wie die Segel des stolzesten Schiffes, seine Augen feurige Rubine, böse und alt. Sein Leib glüht noch vom vergangenen Flammenschlag, und sein Maul öffnet sich und formt magische Worte, die kein Mensch versteht, doch ein Coraniaid.
   Und ein Lächeln verzerrt das Gesicht des Coraniaid, nicht minder böse denn die grausamen Augen des Drachen. Er antwortet ihm in der Sprache der Coraniaid, dem Hochcoraniaid, das so selten gesprochen wird auf Magira. Die Worte sind samten und schneidend zugleich, und für einen Nu verharrt der Drache, und seine Flügel beben fiebrig. Dann ist der Moment doch vergangen, und der Drache steigt weiter auf und weiter, bis er in voller Größe hoch über dem Coraniaid steht.
   Ein Junge taucht auf am jenseitigen Ende der Mauer. »Den Speer, Junge«, ruft ihm der Coraniaid zu.
   Und der Junge, der beim Anblick des riesigen roten Drachen oder des Coraniaid erst wieder hinweg springen will, packt mutig den Gae mit fester Hand und holt aus, als wisse er, wie ein Speer zu werfen sei. »Hey«, ruft er wie ein Junge aus der Gosse und schleudert den zauberischen Speer bald dreißig Schritte weit zum Coraniaid.¹
   Der Coraniaid fängt ihn mit der linken Hand, und es ist eine einzige geschmeidige Bewegung, wie er ausholt, als er nur noch den Drachen sieht, der seine Flügel aufbauscht, so groß und mächtig und bereit zum finalen brodelnden Feuerschlag.² Und ein flüchtiger Sonnenstrahl sticht durch den magischen Mantel und taucht das Gesicht des Coraniaid in goldenes Licht.
   »Er kotzt wieder Feuer«, schreit der Junge.
   Der Coraniaid versieht den starken Wurf mit den geheimen Worten der Coraniaid.³ Und es mag sein, dass nun das goldene Licht den Coraniaid blendet oder die Stimme des Jungen seine Aufmerksamkeit bannt, denn der glühende Speer gleitet ein geringes Stück jenseits der vorgesehenen Bahn.
   So trifft der Speer den Drachen zwar ins Herz, doch nicht in die Mitte, und so schwärzt das pulsierende Fleisch nur am Rand. Der Drache hält stand wie tausend starke Bäume im Sturm.
   »Zu mir, Junge!«, brüllt der Coraniaid. Und er zieht den Jungen herbei über zersprengte Steine und tote Leiber, reißt ihn mit zu Boden und breitet seinen grüngoldenen Mantel der Emer über den Jungen und sich. Und so knien beide, als der entsetzliche Feuersturm über sie donnert. Sie spüren die Hitze wie einen leichten warmen Sommerwind und hören die Steine zerschmettern und die Gluthitze alles verschlingen, was noch lebt.
   Doch plötzlich, als sei er nie gewesen, erstirbt der Todeshauch. Ein grausiges Brüllen hebt an und aus dem Drachenmaul fegt übler Atem über die Mauern. Sie hören ein Flattern, unstet und krank. Als nun der Coraniaid den Mantel zurückschlägt, sehen sie, wie Ruafásach mit matten Flügelschlägen davonfliegt. Dampfende Blutstropfen regnen zu Boden, und dort, wo sie hinsinken, wird so viele Jahre nichts leben, wie der uralte Drache an Jahren zählt.
   Die zwei, der Coraniaid und der Mensch, sehen den Roten Drachen Ruafásach durch den glimmenden Mantel der Weisen Frauen entschwinden.
   Männer tauchen bald auf. »Wie heißt du, Junge?«, fragt der Coraniaid noch, obgleich er den Namen schon auf die Art der Coraniaid gelesen hat.
   »Cyrril, Herr,« antwortet der Junge, und seine Augen glühen vor Leidenschaft über das, was geschehen ist. »Und wie heißt ihr?«, fragt der Junge keck.
   Sie beide knien noch, der Coraniaid ermattet, denn der Drache sog die Kraft aus ihm und dem wundersamen Mantel.
   »Nenn mich Amhairgin«, antwortet er, bevor die Mannen eine Holzplanke, rasch herangetragen, zum einsam hinauf ragenden Mauerstück legen und den Jungen davon zerren.
   Später steigt der Coraniaid hinab in die Stadt und ruft das Heer hinaus ins offene Feld. Der Finstermagier Gormach wird besiegt vor den Toren der Stadt,4 doch der Drache Ruafásach ward nie mehr gesehen im Fürstentum bis zur Spiegelzeit.5

Wenige Tage, nachdem das Heer von Untoten und Echsenmenschen vertrieben ist, begibt sich der Coraniaid in die Straßen und Gassen der Stadt. Und dort, in einer dunklen Gasse, vor der ihn seine Wachen warnen, sieht er den Jungen wieder. »Bringt Cyrril zu mir«, weist er die Wachen an. Sie stutzen nur kurz, dann bringen sie den Jungen zu Amhairgin. Er trägt ihnen auf, dass der Junge am Folgetag zum großen Fest auf Dún Cloighteach geladen ist, der gewaltigen Burg hoch über der Stadt. Und so ist es.

Und am Abend auf der Burg sitzen all die Helden und Heldinnen und Weisen Frauen und die ach so wichtigen Honorationen aus dem Fürstentum an den großen Tischen in der Banketthalle nahe beim Comhartúr, dem Turm der Nachrichten. Und ganz vorne, dort wo die großartigsten Recken des Fürstentums Platz nehmen dürfen in edlen Gewändern und Harnischen, da sitzt Cyrril, der Junge, neben Toissech Feradag mit dem Narbengesicht, der Stolze vom Clann der Osraige in seiner schimmernden Kettenrüstung aus kostbarem Aithinn.
   Es wird alles aufgetragen, was die Keller und Vorratskammern hergeben, und es wird geschlemmt und gar viel gelacht.
   Bis der Fürst sich erhebt und den Jungen heranruft zu sich, und ihn vorstellt dem lauschenden und irritierten Volk. »Nimm Gáe Beag aus meinen Händen, Cyrril«, sagt er mit ernstem Blick, dann reicht er dem Jungen mit den blitzenden Augen einen dunkelgrünen Stab. »Du weißt wohl, wie du ihn gebrauchst«, sagt er weiter.
   Und Cyrril nimmt den Stab mit einer Hand und wirbelt ihn rechts herum. Einmal, zweimal, genau dreimal, und bei jeder Drehung entfaltet sich der Stab in seinen Händen mehr und mehr bis zum großartigen Gáe Beag, dem geheimnisvollen kleinen Speer. Kurz wiegt er den Gáe ihn seinen Händen, dann kreiselt er ihn dreimal linksherum und lässt ihn wieder schwinden. Und alle im Saal starren hinauf zu dem Jungen in der fleckigen Tunika, der dem Coraniaid jetzt näher steht als all die anderen tapferen Helden.
   So entlässt Amhairgin den Jungen, und richtet noch seine letzten Worte an Cyrril. »Trag ihn bei dir, wenn wir uns erneut begegnen.«
   Und das sind die letzten Worte, die er an Cyrril richtet.
   Nach dem Fest entschwindet der Junge, und wie der Rote Drache wird auch er vom Coraniaid nicht mehr gesehen werden bis jenseits der Tage, zu denen er Magira für Jahre hinter sich lassen wird.


¹ Der Coraniaid hätte Cyrril den Speer mit der Gabe aus den Händen zerren können, doch hielt er dies offenbar nicht nötig. Warum? Zum einen weiß der Coraniaid, ob ihm jemand dereinst nützlich sein kann. Und was bietet dabei einen besseren Beginn, als demjenigen etwas zuzutrauen, zu zeigen, dass Vertrauen da ist. Es wird sich später womöglich lohnen, das weiß der Coraniaid, und in einer Welt wie Magira, wo die Coraniaid meist nicht mit offenen Armen empfangen werden, sind Verbündete, jetzt oder in der Zukunft, vorteilhaft. Zum anderen hätte der Coraniaid den Speer, so der Wurf des Jungen misslungen wäre, mit der Gabe zu sich rufen können. Insofern ging der Coraniaid nur ein sehr geringes Risiko ein, sparte dafür aber ein wenig der Gabe auf für die weiteren Taten.

² Realwelt und Magira, Zeiten in FOLLOW und auf der Erde verwischen. Amhairgin war in den Jahren 1977 und 1981, Cyrril in den Jahren 1984 und 1985 1. Speer von Magira. Kein Wunder also, dass beide Speerwürfe gelangen (wenn auch Amhairgins Wurf einen Deut weit danebenging.)

³ Die Coraniaid auf Emhain Abhlach verehren Danu, die Gereifte, eine aus der Dreiheit der Himmelsdrachen. Die Verehrung von Danu und das Wissen um die Drachen helfen, dass ein Coraniaid wie Amhairgin einem uralten und mächtigen Roten Drachen wie Ruafásach die Stirn bieten kann. Auf Magira wissen nur die alten Coraniaid von Emhain Abhlach von Danu.

Der Angriff auf Cuanscadan wird erwähnt in der FollowPedia: »Der Finstermagier Gormach verwüstet mit einem Untotenheer, verbündeten Echsenmenschen und dem Drachen Ruafásach Dörfer im Osten des Fürstentums. Das Heer zieht bis vor die Tore der Stadt, welche nur durch die Kraft der Weisen Frauen geschützt werden kann. Der Ban Baran (Weißer Turm) wird als Folge einer Drachenattacke stark beschädigt. Nachdem sich der Drache aus dem Kampf zurückziehen muss, wird das Heer des Magiers auf offenem Feld besiegt.«

5  Die Spiegelzeit erklärt sich laut FollowPedia wie folgt: »Im Jahre 19 ndF setzt eine plötzliche Gegenbewegung ein. Der ›Auszug‹ aus dem Erainn von Glas Domhan (der ›Grauen Welt ‹) betrifft vor allem die Coraniaid, von denen nahezu alle (annähernd Zehntausend) sich zur ›Grünen Welt‹ (Glass Domhan) oder zurück nach Emhain Abhlach begeben; auch die wenigen Verbliebenen, zusammen mit vielen der Ó Tóthail Nathrach, verschwinden in der darauffolgenden ›Spiegelzeit‹ (in etwa die Jahre 21 bis 27 ndF).«