Eine neue Zeit

Wann: Im Löwenmond des Jahres 57 ndF
Wo: Auf der Reise von Areínnall nach Gleann Daloch
Wer: Airim und Ceara
Warum: Fortsetzung zu »Airim und Ceara«


Eine neue Zeit

Amhairgin

Ein Frühlingstag, beflügelt vom leichten Wind, der von Eigríochta Aigéan, dem Endlosen Ozean, her über das von Wiesen und Weiden gesprenkelte Land weht. Zwei Reiter, die eher gemächlich denn zügig auf dem Weg gen Ydd ziehen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Zwei Erainner sind es, eine Frau und ein Mann.
   Er schaut sich um ohne Eile, als sehe er diese Landschaft zum ersten Mal. Gekleidet ist er in eine farbenfrohe Tunika, es mögen Rottöne, auch Blau und viele Töne dazwischen. Ein grüner Umhang schützt ihn vor der Kühle, sein braunes Beinkleid steckt in kniehohen weichen Stiefeln aus gutem Leder. Auf seinem Kopf sitzt ein frecher Federhut, festgehalten mit einem Lederband, und ein paar kecke Federn wippen vor und zurück bei jedem Schritt des Schimmels. Sein Gesicht zeigt die Jahre, die er erlebt hat.
   Neben ihm reitet eine deutlich jüngere Frau. Ihr pechschwarzes Haar hat sie mit einem schwarzen Lederband gezähmt, doch ihre frechen Locken wirbeln immer wieder in ihr schmales Gesicht; sie wischt die Haare mit der Hand beiseite. Eine geschnürte schwarze Lederhose steckt in rabenschwarzen Stiefeln. Ihr samtiger dunkler Umhang wärmt auch sie, wenn der Wind allzu frisch von der See her bläst. Darunter trägt die junge Frau eine schwarze lederne Jacke zu einem Hemd in gleicher Farbe. Ihr Hab und Gut besteht aus ihren Vorräten in der Satteltasche und aus den Nathrod, die sie in ihrem Lederbeutel gut verborgen und gesichert unter dem Hemd trägt. Leicht trabt sie auf ihrem Rappen, und wäre es eine dunkle Nacht, ritten das Mädchen und ihr Pferd wie unsichtbare Gestalten auf dem Weg nach Gleann Daloch.
   Airim heißt der Mann. Der erfahrene Dieb hat wirklich viele Jahre auf dem Buckel. Vor einigen Stunden hat er sich gemeinsam mit Ceara, der jüngsten Diebin in der Diebesgilde, auf den Weg nach Gleann Daloch gemacht. Dort wollen sie Amhairgin, einen Coraniaid, treffen, den er aus seinen alten Tagen in Cuanscadan kennt, der zertrümmerten großen Hafenstadt im Süden Erainns. Nicht weit entfernt von Cuanscadan liegt sein Heimatdorf, doch erwachsen geworden war er in der Stadt. Und dort auch ist er Amhairgin begegnet, als dieser noch Fürst von Cuanscadan war.
   Vierzig lange Jahre liegen zwischen den Ereignissen, die ihn damals ins Fürstenhaus führten, und heute. Er ist älter geworden, und manchmal fühlt er sich auch wirklich alt. Doch seit er Ceara in die Diebesgilde aufgenommen und sie unter seine Fittiche genommen hat, spürt er so etwas wie Jugend zurückkehren. Nicht wegen Ceara selbst, obwohl ihn die junge Diebin an sich erinnert, wie er einmal gewesen war: vorlaut, unbekümmert, neugierig und keck.
   Seine Augen ruhen auf der stillen Landschaft. Links und rechts tauchen ab und an Gehöfte zwischen bestellten Fluren auf, verbunden durch ausgetretene Wege mit der breiten Straße, die von Areínnall bis zum Ende der Halbinsel am Meer führt. Die Überreste eines Gehöfts fallen ihm nicht weit entfernt besonders auf, denn er bemerkt den kurzen Blick der jungen Frau, der dorthin huscht. Sie senkt sofort die Augen und beugt sich tief über ihr Pferd, als wolle sie nicht wahrhaben, was sie schmerzt.
   Selten kommen ihnen Reiter entgegen, grüßen hastig. Manchmal schlurft ein Bauer vorbei und seine jungen Söhne, das Fuhrwerk vollgeladen mit Gemüse oder Getreide von den Feldern, der Ochse zieht den Wagen stoisch in die nächste kleine Siedlung. Worte werden rasch gewechselt, die Frage nach dem Wetter und ob es etwas zu sagen gäbe, was von Belang sei auf diesem abgeschiedenen Flecken Erde. Und einmal gibt es ein paar Äpfel als Dank für einige freundliche Worte.
   Die beiden Reiter stoßen auf ein Wäldchen, wie es hier im windgebeugten Landstrich nur wenige gibt. Ein schmaler Bach von den Bergen teilt das Stück, und eine schmale Lichtung lässt Sonnenlicht hinunterfallen und das Wasser des Bachs hell glitzern.
   »Wir rasten hier«, unterbricht Airim den stummen Ritt. Nicht, dass sie sich nichts zu sagen haben. Doch Airims Gedanken kreisen in vergangenen Zeiten und beißen sich fest an Geschehnissen, die er so lange schon vergessen hat und die erst jetzt wieder auflodern. Wie kleine Flämmchen, die nur eines leichten Windhauchs bedürfen, um wieder aufzuflackern.
   Auch Ceara ist ungewöhnlich still. Die junge Frau plappert sonst, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, nicht selten zu viel und zu gedankenlos, wie Airim meint. Nun ist es ihm recht, dass sie schweigt.
   Sie satteln die Pferde ab, binden sie locker an nahe beim Bach und lassen sie trinken. Ein paar Schritte den Bach hinauf knien sich die zwei hin, trinken vom kühlen Nass und füllen ihre Lederschläuche mit frischem Wasser. Sie kramen Brot und Käse aus den Satteltaschen und setzen sich auf einen dicken Baumstumpf. Das samtweiche dunkelgrüne Moos unter ihren Füßen schmatzt, weil wohl in der Nacht ein kräftiger Regen die Lichtung tränkte.
   Airim reicht Ceara einen Beutel. Sie pflückt eine Handvoll geschälter Nüsse heraus und isst. Airim nimmt ein kleines Messer, schält einen der geschenkten Äpfel und beißt hinein. »Sauer«, knurrt er.
   »Hältst du mich auch zu alt für den ganzen Scheiß?« Airim schaut der jungen Frau mit seinem spitzbübischen Lächeln ins Gesicht.
   Ceara kaut und antwortet zugleich: »Welchen Scheiß meinst du? Dass wir hier durch die Gegend reiten und du mir noch immer nicht verraten hast, was wir von diesem Amhairgin wollen?«
   »Du weißt, wovon ich rede. Du bist schlau, auch wenn du dich manchmal wie eine gedankenlose Rotznase aufführst.« Airims Grinsen wird breit.
   Ceara schnappt kurz nach Luft. Dann besinnt sie sich darauf, wen sie vor sich hat. In jeder Gasse hätte sie sofort dem, der sie eine Rotznase nennt, eine gelangt. Sie schiebt schnell eine Portion Nüsse nach und kaut bedächtig, als wolle sie feines Mehl mahlen. Sie will sich Zeit verschaffen für eine halbwegs ehrliche Antwort.
   »Wenn ich ehrlich sein soll – und ehrlich, das bin ich ja immer, das weißt du ja! – also wenn ich ehrlich bin, dann denke ich manchmal, dass du hier und da den einen oder anderen Ratschlag von Jüngeren anhören solltest.« Ist das schonend genug? Sagte sie jetzt, was viele in der Diebesgilde unterdessen denken, wäre sie geliefert. Die Überbringerin einer schlechten Nachricht verliert immer als erste den Kopf – und sie mag ihren Kopf.
   Als ob Airim ihre Gedankengänge errät: »Mach dir keinen Kopf darum, Ceara, ich weiß natürlich, was getuschelt wird, sobald ich den Versammlungsraum verlassen habe. Ich will deine Meinung hören, deine ehrliche.«
   Das Mädchen schneidet sich eine dicke Scheibe vom frischen Brot ab, säbelt dick den Käse darauf und beißt herzhaft hinein. Wieder ein paar Sekunden gewonnen.
   »Ich weiß noch nicht einmal, wie alt du bist.« Sie schmatzt und schaut ihn mit einem frechen Augenaufschlag an. Vielleicht würden sie ja schnell aufbrechen, bevor er eine wirklich ehrliche Antwort aus ihr herauskitzelte.
   »Für wie alt hältst du mich denn?« Airim schnippt den Apfelkrotzen ins Gebüsch und legt das kleine Messerchen neben sich auf den Wurzelstock.
   Hoppla, jetzt pass nur auf, was du sagst, denkt Ceara, setz dich nur nicht in die Nesseln, sonst wird die Reise ungemütlich. »So um die 50 Jahre, Airim, vielleicht ein oder zwei Jahre …« Sie zögert. Mehr, oder doch lieber weniger? »… jünger.« Sie lächelt, als habe der Ard-rí höchstpersönlich ihr gerade eine Trophäe in ihre jetzt feuchten Hände gedrückt.
   »Ich weiß ja nicht, wann jemand zu alt ist für Scheiß«, antwortet Airim. »Was weißt du von diesen anderen Dieben?«, wechselt er dann abrupt das Thema.
   Ceara fällt die Kinnlade herunter, sie staunt wie eine … ja, jetzt guckt sie vermutlich wirklich wie eine Rotznase, denkt sie, und sofort setzt sie ihr allerernstestes Gesicht auf, das ihr möglich ist. Will er sein Alter nicht preisgeben?
   »Die anderen Diebe«, holt sie aus. Von denen hat sie natürlich gehört. Innerhalb der Diebesgilde ist es seit wenigen Wochen Thema Nummer eins, nur Airim hat es nie bei ihren Versammlungen angesprochen. Gemunkelt wurde schon, dass er es entweder ignoriert – was alle dann für einen großen Fehler halten – oder gar nicht mehr mitbekommt, was um ihn herum vorgeht. So oder so, die allgemeine Meinung ist, dass Airim … nun ja, eben zu alt ist für diesen Scheiß.
   »Wir haben mal drüber gesprochen«, grummelt sie. Warum muss ausgerechnet sie ihren Kopf hinhalten. Sie hätte heute so schön übern Markt in Areínnall schlendern und ein paar Nathrod einsammeln können; tranige alte Vetteln lungern da immer an den Ständen, deren Taschen größer sind als ihr Verstand, und die schwätzen und vergessen alles um sich herum.
   »Ceara?«, fragt Airim.
   »Verzeih, ich habe an etwas besonders Schönes gedacht«, stottert sie.
   »Du plapperst doch sonst wie ein Wasserfall, also erzähl.«
   »Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Also, wir reden darüber«, versucht sie es.
   »Ihr redet darüber, wenn der Alte nicht da ist«, hilft ihr Airim aus.
   »Ja«, nickt Ceara, sieht aber sofort das glatte Eis, auf dass sie sich beim nächsten Schritt begeben wird. »Nein, also wir reden nicht drüber, weil du nicht da bist, sondern … Ach, egal ist’s. Ja, wir reden darüber, schon länger, und mit jeder Nachricht, die einkommt, wird die Ungeduld größer. Du siehst das Unheil nicht auf uns zukommen, sagen sie.« Ceara beobachtet den dicken schwarzen Käfer, der über den Boden krabbelt, als könne er ihr einen Tipp geben, wie sie Fallstricke am besten umginge.
   Airim reckt seine Arme, reibt sich den Nacken, holt tief Luft. »Die Luft hier draußen ist frischer als in der stinkigen Stadt«, sagt er. »Weißt du, dass ich mich manchmal ernsthaft frage: Warum machst du diesen Scheiß? Ich habe genug auf der hohen Kante und kann mir jederzeit ein Haus an einem schönen Ort kaufen, Bedienstete anstellen, die Füße hochlegen. Glaubst du mir das?«
   Cearas Augen lösen sich vom Käfer, der gerade aus einem uneinsichtigen Grund die Balance verliert und ins Wasser rutscht. Er wedelt mit den Fühlern, als bettele er um ihre Hilfe. Sie schaut Airim offen an und nickt.
   »Keinem ist aufgefallen, dass Aodhagán seit fünf Tagen nicht mehr aufgetaucht ist.« Airim setzt den Trinkschlauch an, nimmt einen kräftigen Schluck und wischt sich den Mund ab.
   Ceara kennt Aodhagán kaum. Er ist kein offizielles Mitglied der Diebesgilde. Der umtriebige Mann, der in Areínnall vor 30 Jahren geboren worden war, nimmt immer mal wieder kleine legale Aufträge an, die unauffällig erledigt werden müssen. Von Beruf ist er Juwelier, und er betreibt ein durchaus ansehnliches Geschäft in einem der besseren Stadtviertel. Im Nebenerwerb aber ist Aodhagán ein gewiefter Einbrecher, den nur nie jemand erwischt hat. Seine Spezialität ist natürlich der Juwelenraub. Medb, die Gemahlin von Uasal Coireall, einem Adligen ohne Land, der in Areínnall einen auf dicke Hose macht, kann ein Lied davon singen. Ihr gesamtes Geschmeide ist ihr abhandengekommen. Aodhagán und die Diebesgilde wissen genau, wo es sich befindet.
   »Ich war nicht in der Stadt, du hast mich doch nach Gleann Daloch geschickt«, sagt Ceara, nachdem sie sich zum Bächlein hinabgebeugt und den strampelnden Käfer aus seiner misslichen Lage befreit hat. Sie setzt ihn auf einen Ast und schaut zu, wie das schwarze Tierchen seine Flügel spreizt und trockenbrummt.
   »Aodhagán sollte Tuchfühlung aufnehmen. Er eignet sich für eine solche Aufgabe wie keiner anderer, er weiß sich in jeder Umgebung zu verhalten, als gehöre er zum Inventar. Sein Auftrag war, sich in den üblichen Kreisen umzuhören und die Köpfe dieser neuen Organisation auszumachen.« Airim schaut Ceara direkt an, und seine Augen verraten seine echte Sorge. »Wir hatten abgesprochen, dass er mich bei jeder passenden Gelegenheit auf dem Laufenden hält. Er hat nichts mehr von sich hören lassen. Du weißt, was das heißt.«
   »Aber warum erzählst du mir das?«, fragt Ceara.
   »Die Zeiten ändern sich.« Airim füllt den Schlauch am Bach wieder auf und setzt sich. »Meine Diebe«, und er betont das Wort »meine«, als spräche er von seiner Familie, »sehen aber nur, dass neue Diebe in der Stadt sind. Doch damit ist es nicht getan, Ceara. Das sind nicht einfach nur gewöhnliche Diebe. Du kennst ja die Mär der ›guten Diebe‹, die von den Reichen nehmen und es den Armen geben …«
   Ceara nickt wieder. Ja, damit kann sie sich gut identifizieren, ihr ungesetzliches Tun entschuldigen, auch wenn sie den Armen eher wenig von dem abgibt, was sie erbeutet. Sie gibt manchmal mehr Trinkgeld, als nötig ist, und der Marktfrau steckt sie ein paar Münzen mehr zu. Richtig schmerzt sie der kleine Aufschlag aber nie.
   »Das genau ist der richtig fiese Scheiß«, knurrt Airim. »Wir nehmen denen was ab, die genug haben. Aber wir behalten es.«
   Ceara will ihre guten Taten ins Spiel bringen, doch Airim gebietet ihr mit einem Wink Schweigen.
   »Wir sind kleine Gauner, nichts anderes. Zu viele haben ihren Mut in der Tasche verstaut, und wenn es hart auf hart kommt, sind die meisten Diebe als Erste zur Tür raus. Die neuen Diebe in der Stadt aber sind schlimmer als wir. Wie ich sagte, die Zeiten ändern sich. Sie sind brutale Schläger und Schlagetots, gewissenlose Mörder und Vollstrecker für gemeine Kreaturen. Sie foltern und quälen aus reiner Lust. Diese Männer sind abgrundtief böse.«
   Der alte Dieb redet sich in Rage. So hat Ceara ihren Lehrmeister noch nie erlebt.
   »Und sie sind Erpresser«, sagt sie mit leiser Stimme. »Fiach, der Bäckerssohn, hat es mir erzählt, weil er mit mir anbandeln und zeigen wollte, was er so alles weiß. Sie verlangen Schutzgeld von den Händlern und den Handwerkern.«
   Airim wischt sich mit dem Handrücken den Speichel vom Mund. »Sie mischen die Stadt auf, Ceara. Und dieser alte Sack weiß das sehr genau. Sie haben begonnen, ihre Widersacher aus dem Weg zu räumen. Aodhagán ist erst der Anfang.«
   Ceara erschrickt. Obwohl sie nach Airims Schilderung insgeheim ahnt, dass Aodhagán nicht mehr unter den Lebenden weilt, machen ihr Airims Worte das erst bewusst. Hatte Airim sie deshalb nach Gleann Daloch geschickt, um sie aus dem Feuer herauszuhalten, will er sie schützen? Und soll sie ihn ins Tal der Zwei Seen begleiten, damit sie nicht allein in der Stadt ist? Doch gleichzeitig packt sie der Ehrgeiz. Sie ist nicht Diebin geworden, um bei erstbester Gelegenheit Reißaus zu nehmen. Sie wird Areínnall nicht so schnell einer dahergelaufenen Mördertruppe überlassen. »Was tun wir dagegen?«, fragt sie forsch.
   »Zuerst einmal wirst du bei Brin in die Lehre gehen.« Der Käfer surrt Airim ums Gesicht, der alte Dieb verscheucht den Brummer.
   Ceara springt auf wie von der Tarantel gestochen. »Spinnst du!« Ihre Stimme überschlägt sich, und ihr Gesicht läuft rot an vor Wut.
   »Setz dich!«, zischt Airim mit frostiger Stimme. »Geh nicht zu weit. Ich dulde bei dir sehr viel«, flüstert er gefährlich leise, »aber manchmal erlaubst du dir zu viel.«
   Dabei würde er Ceara niemals verstoßen. Längst ist sie ihm wie seine Tochter, die er einst verloren hat. Ein Ersatz zwar nur, doch er hat sich geschworen, dass er diesmal da sein würde, wenn ein junges Mädchen wie Ceara bedroht wurde. Diesmal käme er nicht zu spät.
   Ceara schnauft wie ein junges Fohlen, setzt sich aber wieder und versucht, ihre Stimme im Zaum zu halten: »Brin ist ein Kotzbrocken, das weißt du. Er ist … warum nicht Bran, der ist … ach!«, Ceara winkt ab, als gäbe sie auf, doch dann fängt sie erst richtig an. »Brin ist ein Drecksack, ein Aufschneider, ein lüsterner Aufreißer. Er lügt und betrügt sogar seinen Bruder und jeden, der ihm über den Weg läuft. Brin … Brin ist ekelhaft, überheblich, selbstgefällig wie ein Gockel. Brin ist …«, Ceara stockt.
   »Brin wird dein neuer Lehrmeister sein. Bran brauche ich für andere Aufgaben«, sagt Airim. »Und ich bin zu alt für so einen Scheiß.«
   Ceara würde ihm für sein Grinsen am liebsten eine runterhauen, aber das tut sie natürlich nicht.
   »Brin ist all das, was du aufgezählt hast, und das macht ihn auch zu einem ausgezeichneten Dieb. Er hat keine Skrupel und keine Angst. Er und sein Bruder sind die neue Art Dieb, von denen du das lernen kannst, was ich dir nicht mehr beibringen kann. Aber genau das wird dir in dieser neuen Zeit helfen, um zu überleben. Das passt dir nicht? Gut, dann sieh selbst zu, wie du in den nächsten Jahren auf den Straßen Areínnalls überlebst.«
   Airim beugt sich nahe zu Ceara, und sie riecht seinen sauren Atem. »Aber komm nicht eines Tages angekrochen und flenne, weil du einen Fehler gemacht hast. Du bist talentiert, Ceara, und selbstbewusst. Eine gefährliche Kombination. Lass es dir von jemandem gesagt sein, den genau das fast den Kopf gekostet hätte. Talent allein hilft nicht, Talent macht überheblich. Und schneller als du ein Seil hinaufklettern kannst, stürzt du hinunter in den Tod. Es gab so viele talentierte Diebe, Mädchen, und sie sind alle tot.«
   Airim sieht der jungen Diebin tief in die Augen. »Du denkst, du bist gut. In Wahrheit bist du ein Nichts. Du kannst nichts. Du weißt nichts. Weder vom Leben noch davon, was eine gute Diebin ausmacht.«
   Der alte Dieb streckt sich. Ceara macht große Augen. In seiner linken Hand schaukelt ihr lederner Geldbeutel mit dem langen Band hin und her wie eine weiße Fahne, mit der die Niederlage besiegelt wird.
   »Ein guter Dieb ist nie zu alt für irgendeinen Scheiß«, grinst Airim und gibt Ceara ihren Beutel zurück. Das Lederband ist durchschnitten, vermutlich mit dem Messerchen, das neben Airim auf dem Baumstumpf liegt.
   »Du kannst dich nicht einmal selbst vor einem billigen Taschenspielertrick schützen, Ceara«, sagt Airim. »Wie willst du in einer Stadt wie Areínnall überleben, wenn die Zeiten sich ändern? Gib mir eine gute Antwort, überzeuge mich, und wir vergessen Brin. Ach, und etwas hast du bei deiner Aufzählung vergessen. Brin sieht unverschämt gut aus. Ist dir das nicht aufgefallen?«
   Jetzt zöge sie Airim am liebsten einen starken Ast über den Kopf. Ja, Brin sieht genau wie sein Zwillingsbruder Bran verdammt gut aus. Das ist nicht das Schlimmste an diesem Dieb, der nur wenige Jahre älter ist als sie, aber es setzt dem Ganzen die Krone auf. Und dieser Drecksack von Brin weiß, dass er gut aussieht. Und er hatte sie unlängst als Lean Altrama bezeichnet, als Airims Pflegekind, und abblitzen lassen. Das würde sie niemals in ihrem Leben vergessen.
   »Ich mache es. Wenn du mir verrätst, wie alt du bist.« Kein gutes Geschäft für sie, aber auf die Weise erführe sie immerhin, wie alt ihr Lehrmeister ist.
   »Dreimal so alt wie Du«, antwortet er.
   »Na, das ist doch mal eine Ansage«, lacht Ceara. Und ihre Augen verraten, dass sie dem alten Dieb sicher niemals richtig böse sein kann.
   »Lass uns weiterziehen.« Airim packt die Vorräte zusammen und verstaut sie.
   »Was willst du eigentlich von Amhairgin?«, fragt Ceara. Sie stopft ihren Lederbeutel mit den Nathrod in die Satteltasche. Wenn sogar ein alter Dieb sie bestehlen kann, dann sollte sie sich ein besseres Versteck ausdenken als unter dem Hemd.
   »Wir kennen uns aus alten Tagen.« Airim legt den Sattel auf und führt sein Pferd zurück zum Weg. »Sicher erinnert er sich an mich.«
   »Schuldet er dir einen Gefallen, oder was soll dir das bringen?« Ceara steigt auf ihren Rappen und streicht ihm über den Kopf.
   »Coraniaid stehen bei einem Menschen niemals in der Schuld, Ceara«, antwortet Airim. »Ich will eine Abmachung treffen, eine Hand wäscht die andere. Er hilft mir, ich helfe ihm. Sicher hat er Pläne, ich kenne ihn, und sicher braucht er Unterstützung in der Stadt, wenn er sich da breitmachen will. Die kann ich ihm anbieten.«
   Die beiden reiten langsam an, die Blätter rascheln sanft im leichten Wind von der See.
   »Und dafür soll er dir helfen, ist das richtig?«, fragt Ceara.
   Naseweis wie immer, denkt Airim, und grinst sie an. »Du hast es erfasst, Mädchen. Wer hat wohl gute Karten, wenn es ans Eingemachte geht? Sicher der, der einen Coraniaid auf seiner Seite hat.«
   »Ein verbündeter Coraniaid ist ein guter Coraniaid.« Ceara grinst zurück.
   »Dann lass uns mal ausloten, ob Amhairgin noch zu haben ist für richtig alten Scheiß«, lacht Airim. »Und Tempo jetzt, wer von uns ist schneller.« Und schon fegt sein Schimmel aus dem Wäldchen heraus ins freie Land, und Ceara zischt hinterher.
Manchmal wenden sich Tage, die ziemlich beschissen anfingen, noch zum Guten, denkt Ceara. Heute scheint so ein Tag zu sein, obwohl sie vorhin erst am niedergebrannten Gehöft ihrer Familie entlanggeritten sind.
   Doch nun lacht Ceara aus vollem Herzen. Ihre schwarzen Locken fliegen im Wind, und ihr Rappe donnert an Airim vorbei wie der Sturm.
   Für Airim bleibt kurz ihr junges, argloses Lachen, das ihn an Áine erinnert, seine Tochter. Einen Wimpernschlag lang schmerzt diese Narbe, doch dann lacht er wild auf und jagt der jungen Diebin hinterher.