Die erste Wache

Worte zum Geleit von Fergal: Als mich Georg – gefühlt erst gestern – anschrieb und anfragte, ob ich den Wunsch habe, wieder aktiv zu werden, rannte er bei mir offene Türen ein. Nach einer kurzen Diskussion zur »korrekten Einordnung meines Charakters« bedurfte es nur noch eines kleinen weiteren Anstoßes (»Sag mal, können wir Deine alte Story nicht wieder veröffentlichen?«), um – verbunden mit intensiven Studien in Schlangenschriften und der FollowPedia – diese kleine Reihe von Kurzgeschichten zu verfassen.

Sie beschäftigt sich mit dem Coraniaid Fergal, zu dem es bislang nur hieß, dass er »als Graue Eminenz in Forrach Sean als Toissech fungiert …«

Das war zweifelsfrei sein Wirken vor zwanzig Jahren. Und doch, wo hielt er sich während des vergangenen langen Krieges auf, wie ist es ihm ergangen, und wonach trachtet es ihn im zukünftigen Spiel der Mächtigen Erainns?

Nein, ich weiß nicht, wo der „Wille der Allumfassenden“ Fergal hintreiben wird. Aber ich habe keinen Zweifel, dass es sich Dir, lieber Leser, (und auch mir …) zunehmend offenbaren wird.

Heiko aka Erenagh Fergal, Flatha Coraniaid, Curadh ná Almhuin


 

Die erste Wache

Fergal

»Wahrlich, ein trauriger Anblick«, so dachte Fergal, als er auf die ausgemergelten Gestalten hinter sich blickte. Irgendwann hatten sie vergessen, dass sie müde waren. Liefen sie einen oder zwei Tage durch die Hochlande? Ein Dutzend abgerissener Krieger in leichter Rüstung und mit wenig Gepäck. Sie mieden die alten Handelsstraßen und kamen entsprechend sicher, aber auch langsam und beschwerlich voran. Zwei oder drei Tage noch, dann müssten sie Forrach Sean erreichen. Von einer Heimkehr zu seinen Lieben, davon mochte keiner von ihnen am abendlichen Lagerplatz sprechen.

Es dämmerte, als sie in einer Senke ein Feuer erblickten. Es war nur ein kleines Feuer, das Heimlichkeit und Furcht mit seinen zitternden Flammen ausspie, als wollte es nicht gesehen werden. Fergal hob die Hand und blickte zu Cedric, dem Späher. Der verstand sofort, duckte sich und verschwand in Richtung des Feuers. Es dauerte nicht lange, und der Späher kam zurück.

»Flüchtlinge aus dem Norden, vier Kinder, ein Weib, ein alter Mann, keine Waffen.«

Fergal blickte sich um und sah in die erwartungsvollen Gesichter seiner Männer.

»Wir werden ihnen Gesellschaft leisten. Benehmt Euch! Und ihr zwei übernehmt die erste Wache!«

Sie gingen in Richtung des Feuers und zeigten sich früh, denn sie wollten den Lagernden die Furcht nehmen. Als Fergal in das Licht trat, kauerten die Kinder am Kleid der Frau, und der Alte legte seinen Knüppel nieder. Er tat dies entweder aus der Erkenntnis, dass er gegen diese Krieger nichts ausrichten konnte, oder weil der Anblick des Coraniaid, denn ein solcher war Fergal, ihm Vertrauen einflößte. Cedric legte Holz nach, getrockneter Fisch und etwas Fleisch wurde verteilt.

»Wir sind arm, doch nehmen wir nichts geschenkt. Ich werde euch und die Mahlzeit, die ihr mit uns teilt, mit einer Geschichte aus alten Tagen bezahlen. Mag sein, dass dieser da« – er nickte Fergal zu – »sie schon kennt oder sogar Anteil daran hatte, doch das macht sie nicht unbedingt schlechter.«

Der Alte lachte bitter und begann:

»Der Schatten jener Zeit liegt auf uns allen. Wir spüren ihn nur zu oft, und kein Feuer nimmt seine Kälte von uns Alten. Die Jungen aber, sie spüren es nicht, denn sie haben es nie anders erlebt.
Diese Kälte liegt seitdem in uns und wird uns über unser Grab hinaus begleiten. Die Winter waren lang in jenen Tagen der Finsternis. Es wurden nur wenige Kinder geboren und viele der wenigen trugen den Keim der Verderbnis schon in sich. Die Weiber waren auch damals schon hellsichtig und brachten solche fort, und es wollte niemand wissen, was aus ihnen wurde. Es war eine üble Zeit, die nicht nur an unseren Wänsten zehrte. Nein, wahrlich nicht, bei so manchem schwoll der Wanst gar an.«

Der Alte schaute entrückt ins Feuer, bevor er leise weitersprach:

»Im Süden aber, da war es anders. Ich erzähle euch von Deathkar, Sohn des Feonchaidh, welcher in jenen Tagen über die Dioltair von Etolia herrschte. Während im Nor furchtbare Dinge geschehen waren, hatte er sich den alten Glauben bewahrt und war ihm treu geblieben. Seine Taten folgten seinen Träumen, und die waren rein geblieben.

Neben ihm gab es nur noch ein großes Haus im Süden, das nicht vom Weg abgekommen war. Es waren die Clanns von Nairthund, die mit Macht dem Drängen der Finsternis widerstanden. Und Angus Seanhaibh, Sohn des Dwaiish, war ihr Anführer. Und es wird von einem Bund zwischen den beiden Häusern berichtet, der die Nairthund und Dioltair einte. Und dieser Bund war stark, obwohl er nicht durch Blut besiegelt war, denn in diesen Tagen reichte das Wort eines Fürsten, um vor allem zu bestehen.

Ihr seht, es war eine andere Zeit und so vielen scheint sie fremd zu sein. Doch ich berichte wahr, und nichts ist erlogen.«

Der Alte spie geräuschvoll ins Feuer und fuhr fort:

»Beide Häuser besuchten einander nach der Ernte und brachten sich Geschenke. Dreizehn Jahre hatte der Bund nun schon gehalten, und nichts stand zwischen ihnen. Der Nor und das Übel waren weit entfernt. Aber das Übel ist gerade in solchen Zeiten näher, als man denkt.

Bei den Besuchen aber erfreuten sich Aengus und Deathkar an der Jagd, und das erlegte Wild entzückte die Gaumen aller Gäste. Und so geschah es, dass Aengus von Nairthund mit den Seinen in Etolia eintraf, denn in diesem Jahr war es an ihm, die Reise zu tun. Ein Fest über drei Tage wurde gegeben, und viel wurde getrunken und …«

Der Alte sah sich unsicher nach den Kindern um und nickte be-ruhigt, als er sie tief schlafend sah:

»… es wurde auch so manches Kind gezeugt.

Und dann kam Sie.

Mit weiten Schritten trat sie durch die Festhalle. Niemand kannte sie und niemand fragte nach ihrem Begehr. Es wird gesagt, dass ein jeder, der sie sah, sofort in Liebe zu ihr entbrannte und sich fortan nach ihr verzehrte.

Sie trat an die Tafel von Aengus und Deathkar, blickte ihnen tief in die Augen und sprach: ›Dem, der morgen bei der Jagd das mächtigste Wild erlegt, werde ich gehören. Dies ist mein Versprechen!‹

Und so wie sie gekommen war, verließ sie die festliche Halle, und niemand hielt sie auf.

Die Feier endete bald darauf und alle begaben sich zur Ruhe. Am nächsten Morgen versammelten sich die Teilnehmer der Jagd. Aber sie wollten alle die Gunst der Schönen, und so teilten sie sich gleich zu Beginn. Vergessen waren die vergangenen Jahre, wo die gemeinsame Jagd der Sippen ihnen die größte Beute geschenkt hatte.

Deathkar wandte sich dem nahen Wald zu, denn es war ihm von einem mächtigen Rothirsch berichtet worden. Aengus hingegen ritt mit den Seinen in den Wes, weil ihm die Vertrauten erzählt hatten, dass dort ein gewaltiger Eber die Felder verheerte.

Deathkar wusste wohl von diesem Untier und seinem Versteck, und doch hatte er es nicht für seine Jagd erwählt. Ein Geas lag auf seiner Sippe, und so war ihm das Töten von Schwarzwild untersagt.

Nachdem Deathkars Hunde den Hirsch lange gehetzt hatten, traf der Speer das prächtige Tier in die Seite. Deathkar gab ihm den Todesstoß.

Die Jagdgesellschaft von Deathkar traf am späten Abend in Etolia ein. Sie waren siegesgewiss, denn der Hirsch war der mächtigste seiner Art, den man seit Dekaden dort gesehen hatte.

Er sah sich suchend um, aber von der Jagdgruppe um Aengus war nichts zu sehen. Leise keimte Sorge in ihm, und er sandte Kundschafter aus, doch alle kehrten ohne sichere Nachricht heim.

Am folgenden Morgen wurden wieder Männer geschickt, und Deathkar war unter ihnen. Er aber ritt allein und gelangte so zur höchsten Stunde an den Waldesrand. Voller Zweifel und auch Furcht schien er, als er seinen Weg in das Dunkel hinein nahm. Er trieb sein Pferd an, und so kamen sie tiefer und tiefer in das Gehölz.«

Der Alte hielt inne und schaute sich um. Alle lauschten gebannt seinen Worten:

»Er fand den Krieger am Stamm eines Baumes sitzend vor – und da wusste er, dass er auf dem richtigen Weg war. Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen, niemand hatte sie verschlossen. Die Hände waren rot vom Blut verkrustet, und es war das Eigene. Sie hielten das zerrissene Gedärm, das aus der riesigen Wunde seines Leibes ausgetreten war. Die Unruhe wurde zur fürchterlichen Gewissheit, als er bald darauf drei weitere Leichen furchtbar zugerichteter Mannen fand.

Er ließ sein Pferd zurück, denn im dichten Gehölz war es ihm nicht mehr von Nutzen. Lange fand er kein Zeichen von Aengus.

Der Tag war schon weit vorangeschritten, als er im Dickicht ein saugend lutschendes Geräusch vernahm. Oder war es ein zögerliches Schmatzen? Er griff seine drei Speere fester und schlich langsam vorwärts. Auf einer winzigen Lichtung sah er das tote Pferd des Gesuchten. Und daneben lag Angus seltsam verrenkt auf dem Rücken.

Er schien genau in seine Richtung zu blicken, während über der Leiche der mächtige Eber stand. Ein riesiges Untier! Die Bauern hatten nicht die Unwahrheit gesprochen, als sie furchtsam von der Größe dieses Ungeheuers berichtet hatten.

Doch was tat dieses Wesen dort? Ungläubig blickte Deathkar auf das Geschehen. Die Schnauze des Ebers steckte tief in den Innereien seines hilflosen Opfers, und langsam fraß er von ihm.

Deathkar schüttelte sich, und Grauen erfasste ihn, denn dieses Wesen schmatzte und blickte ihm mit tückischen Augen in sein Angesicht.«

Die Gesichter der Zuhörer waren wie Eis erstarrt. Der Alte bemerkte sogar, dass eine der Wachen näher hinzugekommen war, um besser lauschen zu können:

»Manche sagen, dass all dies etwas in Deathkar zerbrechen ließ. Er schnappte nach Luft und sah, wie der Eber wieder und wieder seine Schnauze im Gedärm versenkte. Blut und Eingeweide troffen von der mächtigen Schnauze herab, doch noch immer rührte sich Deathkar nicht. Letztlich war es das durch Schmerz und Verzweiflung entstellte Gesicht von Aengus, das ihn zum Handeln trieb.

Deathkar trat hinzu, doch der Eber ließ sich nicht bei seinem grausamen Mahl stören. Hörte er das Reißen von Fleisch oder das schmerzerfüllte Stöhnen? Er wusste es nicht, und es war auch ohne Bedeutung.

Deathkar rammte den ersten Speer in die Flanke des Ebers. Das Untier schien überrascht, aber zum Entsetzen des Jägers fraß es weiter.

Er stieß ein zweites Mal zu, und erst jetzt brach der Eber zusammen und war tot. Gar langsam war der Gang des Deathkar, als er heim nach Etolia zog, um dort das Ende des Aengus zu verkünden. Und aus der Siegesfeier wurde ein Leichenschmaus, und alle Menschen weinten.«

Der Alte warf zwei Stücke Holz in das heruntergebrannte Feuer.

»Ein Geas wurde gebrochen!«, so murmelte Cedric leise und doch vernehmlich.

»Aye, ein Geas wurde gebrochen. Ein Geas, so alt, dass niemand mehr seinen Grund kannte. Und doch hatte es Bestand, fand Beachtung und der Sippe ging es gut. Bis zu diesem Tage …«

Der Alte schwieg. Seine Worte hingen noch lange in der Luft und wollten nicht im Dunkel der Nacht entschwinden.

Dann endlich sprachen einige der Zuhörer:

»Was wurde aus Deathkar?«

»Hat sich die Schöne ihm als Preis hingegeben?«

»Gab es Krieg zwischen den Sippen?«

»Dies werden wir während der zweiten Wache erfahren.« Fergal nickte zwei Kriegern zu, die sich nur zögerlich erhoben und im Dunkel entschwanden. Dann wandten sich alle wieder dem Alten zu. Sie wollten mehr aus seinem Mund hören.